Alexander Keßler, die Lösung der Ostküstenfrage
Fiktion,  lesen

Alexander Keßler // Die Lösung der Ostküstenfrage

An sich nette Idee des Autors: Terroristen wollen einen der kanarischen Vulkane atomar sprengen, um dadurch eine Unterseewelle zu erzeugen, die sich als Tsunami über die Ostküste der USA ergießt und die dortige Bevölkerung auslöscht. Aber statt einem nervenzerfetzenden Wettlauf gibts nur langweiliges Geplänkel.

  • Darum lesen: ganz guter Plot, interessantes Szenario, teilweise sprachlich interessant.
  • Darum nicht lesen: Über 400 Seiten Infodump.

Alexander Keßler hat vermutlich viel Arbeit in den Plot gesteckt. Passende Figuren entwickelt, weitreichende Hintergrundgeschichten entwickelt, allerhand Details zu Tsunamis und Atombomben recherchiert. Das ist der Teil, der wirklich gut ist. Er schafft es, ein gewisses eigenes Feeling zu entwickeln. Das liegt auch daran, dass die Geschichte nicht in unserer Welt spielt, sondern in einer Welt, die der unseren nur recht ähnlich ist. Dort gibt es nicht die USA, sondern das Imperium. Nicht die Russen, sondern Ruthenen. Keine Hauptstädte, sondern Kapitale. Auch die Geschichte der fremden Welt erinnert an unsere. Es gab den Kalten Krieg, einen Ostblock. Und im Imperium herrscht ein Präsident, der verdächtig stark an Donald Trump erinnert.

Guter Plot – aber zu viele Schwächen

Leider ist die fremde Welt der unseren zu ähnlich – und stellenweise vergisst der Autor die Namen, die er sich ausgedacht hat, und plötzlich ist von einem Russen, nicht einem Ruthenen die Rede. Es gibt Twitter und andere Namen, die bestens aus unserer Welt bekannt sind. So dürfte es vielen Lesern schwerfallen, sich mit der Welt des Buches anzufreunden. Man spricht von einem sogenannten Uncanny Valley (so viel wie „unheimliches Tal“). Einfach gesagt muss eine Geschichte entweder in der realen Welt spielen oder in einer Welt, die sich ausreichend von ihr unterscheidet.

Über das Uncanny Valley lässt sich hinwegsehen. Wäre es das einzige Problem, man würde es gar nicht wirklich merken. Doch es gibt weitere gravierende Schwächen. In erster Linie, dass der Autor vermutlich versucht, zu zeigen, wie viel Arbeit er sich gemacht hat. Er zeigt uns, wie großartig die Figuren ausgearbeitet sind, wie ausgeklügelt ihre Pläne sind und damit auch der Plot ist.

Beziehungsweise: Er zeigt es uns gerade nicht. Er schüttet schier unendlich viele Informationen über den Leser aus. Fast keine davon verpackt er in eine Geschichte, fast alle berichtet er nur, oftmals auch noch in Rückblenden oder er lässt seine Figuren Informationen vortragen. Allein dadurch wir das Buch sehr langatmig, fast zu keinen Zeitpunkt entwickelt sich Spannung oder wenigstens Dynamik. Immer im gleichen Tempo plätschert die Geschichte dahin. Erst ganz am Ende kommt etwas Fahrt ins Spiel.

Eine weitere Schwäche sind die vielen Figuren. Meine These: Alexander Keßler hatte keine Lust auf das typische Spiel Gut gegen Böse. Deswegen lässt er vielen Figuren ähnlich viel Platz, erklärt ihre Handlungsmotive. Kann man machen. Führt in diesem Fall aber dazu, dass zumindest ich mir schwergetan habe, mich mit überhaupt irgendeiner Figur zu identifizieren. Es war mir eigentlich wurscht, was mit ihnen passiert. Auch das hängt natürlich mit dem Infodump und der Abwesenheit von Erzählung zusammen.

Potenzial: Carl Amery

Ich hatte die ganze Zeit über Hoffnung. Denn Die Lösung der Ostküstenfrage erinnerte mich zeitweise an An den Feuern der Leyermark von Carl Amery. Auch dort wird ein actionversprechender Plot fast vollständig in die Hinterzimmer der Politik verlagert, das eigentliche Kernproblem der Geschichte wird auf wenigen Seiten abgehandelt. Auch hier handelt es sich um eine alternative Geschichtsschreibung und die Namen der Orte werden verändert (Leyermark statt Bayern). Nun sind aber schon die Feuer der Leyermark kein Feuerwerk der Erzählkunst.

Die Ostküstenfrage ist im Selfpublishing erschienen. Anstatt eines Covers gibts nur den Titel des Buches auf dem Einband. Der Textsatz ist katastrophal mit stellenweise kilometerweiten Abständen zwischen den Wörtern, mit Hurenkindern und Schusterjungen, mit einem unangenehmen Satzspiegel. Und auch die Bindung ist schlecht. Habe das Buch ein einziges Mal gelesen und doch fliegen die letzten Seiten bereits lose durch unser Haus.

Schade. Allerdings würde ich das Buch glatt ein zweites Mal lesen, sollte der Autor sein Werk tatsächlich noch einmal intensiv überarbeiten und zu großen Teilen neu schreiben. Denn wie gesagt: Plot, Szenario, Figurenarchitektur und Sprachidee haben wirklich Potenzial.

Alexander Keßler // Die Lösung der Ostküstenfrage
1. Auflage 2019 // Rezensionsexemplar
Twentysix
439 Seiten

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