archipel gulag, betonwand
lesen,  Sachbuch

Alexander Solschenizyn // Archipel Gulag

Der Archipel Gulag ist eine erschreckende Dokumentation der russischen Gefangenenlager insbesondere unter Stalin. Solschenizyn war selbst jahrelang inhaftiert und schrieb seine Geschichte sowie die seiner Mitgefangenen auf. Ein unheimlich wichtiges historisches Dokument.

  • Darum lesen: seltenes Dokument der Schrecken des Sozialismus
  • Darum nicht lesen: brutal, schockierend, teilweise sehr philosophisch und langatmig

Ich fand den Archipel Gulag bei meinem Opi im Regal stehen. Er war selbst lange Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft, seine Geschichten geriehten leider in Vergessenheit. Der Archipel Gulag erzählt nun einige dieser Geschichten nach. Das Buch handelt von den russischen Strafgefangenenlagern und der damit verbundenen Massenverhaftungsindustrie.

Es ist eine schonungslose und umfangreiche Dokumentation. Hunderte von Geschichten trägt Solschenizyn zusammen, um jenen, die nicht genug Leben hatten, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, die Ehre zu erweisen. Es sind die Geschichten all jener, die zwischen 1918 und 1956 in die Fänge der russischen nicht-Justiz gerieten. Diese Geschichten bettet er ein in sorgfältige Geschichtsschreibung. Das Ergebnis ist ein Vorschlaghammer. Historisch exakt und emotional-persönlich zur gleichen Zeit.

  • Die Verhaftung. Millionen von Menschen wurden willkürlich und oftmals nach Quote verhaftet. Konnten Polizisten einen Verdächtigen nicht finden, verhaften sie einfach den Nachbarn. Verhafteten Polizisten zu wenige Menschen, wurden sie selbst verdächtigt. Anhänger von Religionen, Parteien, Strömungen wurden weggesperrt. Kriegsgefangene machten sich allein dadurch verdächtig, dass sie lebendig zurückkehrten. Schließlich lässt sich ein wahrer Russe nicht gefangennehmen. Er kämpft bis zum letzten Blutstropfen.
  • Die Vernehmung. Wer verhaftet wurde, wurde auch verurteilt. Dafür sorgten die Foltermethoden der Justizbeamten. Auf zwölf Seiten listet Solschenizyn detailliert alle Methoden auf, die er in seiner Zeit als Gulag-Bewohner sammeln konnte. Diese Schilderungen sind in ihrer dokumentatorischen Kälte kaum zu ertragen.
  • Die Gesetze. Das russische Gesetz kannte zwar die lächerlichsten Straftaten. Tatsächlich aber auch Schutzmechanismen für jene, die unschuldig verhaftet wurden. Nur kannte niemand diese Mechanismen. Angewendet wurden sie erst recht nicht. Die Strafen waren denkbar einfach strukturiert: Es gab Haftstrafen zu 10 oder 25 Jahren und den Tod. Ab und zu geringfügige Abweichungen. Das heißt, wer unschuldig anstatt seines Nachbarn verhaftet wurde, wurde erst solange gefoltert, bis er sein Verbrechen zugab und dann für mindestens zehn Jahre in die brutalsten Arbeitslager geschickt wurde – und womöglich seine Frau und Kinder noch dazu. Natürlich in ganz andere Lager und ohne, dass sie voneinander wussten.
  • Unterwegs im Gulag. Ein letzter großer Teil der Dokumentation beschäftigt sich mit dem Transport und dem Aufenthalt im Gulag. Die Gefangenen waren im Endeffekt ständig unterwegs. Nie kamen sie irgendwo an. Jeder Aufenthalte war immer nur eine Zwischenstation.

Alexander Solschenizyn erzählt das alles nicht, um Empathie mit den Opfern oder auch den Tätern zu ermöglichen, wie es etwa Laura Hillenbrand in ihrem Bericht über amerikanische Kriegsgefangene in Japan tut. Nein, er berichtet ganz sachlich und emotionslos. All die Schikane, all die Willkür und zwischenrein: Momente der Menschlichkeit und Hoffnung.

Besonders spannend finde ich, wie Solschenizyn über die Beamten dieser Grausamkeit berichtet und wie sie dort landeten, wo sie nun einmal landeten. Und wie er frei und offen zugibt, nicht anders gehandelt zu haben, als sie, wäre er in eine entsprechende Lage gekommen. Er berichtet von Gesprächen in der Zelle; „Man hätte die Wanzen ausmerzen müssen.“ Sagt da einer der Wanzen, die just in diesem Moment von jenen ausgemerzt werden, die er gerne ausmerzen würde. Es ist zum Heulen. Und er zählt reihenweise Schicksale, wie das eines Generals, eines an sich menschlichen, bescheidenen und demütigen Menschen, der am Ende doch im Staatssäuberungsapparat mitmischte und dutzenden Unschuldigen Leid zufügte.

Solschenizyn liebt seine Heimat, er liebt Russland. Er veröffentlichte sein Buch und wurde verbannt, verbrachte einen guten Teil seines Lebens im Krieg und in Gefangenschaft, den anderen im Exil in Deutschland, der Schweiz und Amerika. Doch er kehrte heim, wurde zum Nationalhelden, unterhielt sich mit Putin über das neue Russland. Sein Werk gehört zur russischen Standardlektüre. Und es ist eine Warnung vor totalitären Strukturen, egal welcher Couleur diese auch sein mögen.

Alexander Solschenizyn // Der Archipel Gulag
Deutsche Übersetzung 1974 // 1973
Scherz Verlag // YMCA-Press
576 Seiten

Weitere Buchbesprechungen

#ReadAroundTheWorld

Mein Ziel: Aus jedem Land der Welt ein Buch lesen: Read Around The World

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.