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Bernard MacLaverty // Cal

Belfast, Sandy Row, Cal

Ich liebe Bücher, die in Nordirland spielen, weil ich ein Jahr dort lebte. Die Menschen und ihre ganz spezifischen Probleme sind mir in dieser Zeit ans Herz gewachsen. Cal ist eine großartige Geschichte, ein ausgezeichnetes Porträt eines jungen Mannes und ein interessantes Dokument zum Nordirlandkonflikt.

  • darum lesen: meisterhaft erzählt, Einblicke in den Nordirland-Konflikt.
  • darum nicht lesen: kein Happy End, weitgehend unspektakulär.

Als ich 2004 in Belfast war, war der Konflikt längst im Ausklingen (auch wenn er selbst heute noch nicht beendet ist). Peacelines, Politik und ein Großteil der Bevölkerung, der einfach keinen Bock auf Gewalt mehr hat, haben ihren Beitrag getan (und tun es heute noch). Doch der Konflikt hat an vielen Orten sichtbare Spuren hinterlassen:

  • In den jeweiligen Heartlands der Katholiken und Protestanten, gekennzeichnet durch bemalte Randsteine oder Murals.
  • Durch Peacelines, die sich unnatürlich durch Wohnviertel schlängeln und strukturelle Entwicklungen behindern.
  • Kinder und Jugendliche in den ärmeren Vierteln, die kaum positive Vorbilder kennen, sondern in erster Linie Ex-Paramilitärs.
  • All die vielen feierlichen Umzügen und Freudenfeuern, angedenk irgendwelcher Schlachten.
  • Brandanschläge und vereinzelte Überfälle.
  • Unmengen an Panzerwagen der Polizei, fast überall in der Stadt.

Cal spielt 20 Jahr vor meiner Zeit in Nordirland, der Höhepunkt des Konfliktes war damals wahrscheinlich gerade vorbei. Viele Peacelines gab es noch nicht, vereinzelt gab es noch Viertel, in denen Protestanten und Katholiken nebeneinander wohnten. Warum sich das überhaupt mit der Zeit änderte, zeigt auch dieses Buch: Cal und sein Vater bekamen mehrere Warnungen. Weil sie nicht darauf reagierten und wegzogen, wurde ihr Haus in Brand gesetzt. Die IRA und andere paramilitärische und terroristische Organisationen waren aktiv, Menschen wurden ermordet oder zumindest verprügelt. Misstrauen lag über dem Land und seine Bewohner wie dicker Staub auf alten Büchern.

Und mittendrin ist Cal, der eigentlich ganz typische Probleme eines jungen Mannes hat, der gerade erst der Pubertät entwachsen ist. Er ist arbeitslos, scheint irgendwie Außenseiter zu sein, zieht sich gerne zurück hinter den Vorhang seiner langen Haare (für Nordirland eher untypisch) und in die Musik. Aber Cal ist dennoch keine klassische Außenseitergeschichte, denn das Buch spielt in Nordirland und dieses Fleckchen Land ist so ganz anders als der Rest von Europa.

Der Protagonist soll sich stärker in die IRA einbringen. Die Art und Weise, wie die Paramilitärs um Cal „werben“ erinnert mich an Mafiafilme. Er will nicht so recht, weiß aber nicht, wie er sich entwinden soll. Nach England fliehen vielleicht. In den industriellen Zentren gibts auch Arbeit. Doch er wird von einer Kraft gehalten, die viel stärker ist als alles andere: der Liebe.

Zum Stil

MacLaverty erzählt seine Geschichte sehr zurückhaltend und neutral. Keine Experimente, weder in Form noch im Stil, handwerklich einfach und großartig, mit erzählerischer Dichte. Langsam und gemächlich bewegt sich das Buch auf den unvermeidlichen Höhepunkt hin. MacLaverty zögert ihn bis zur letzten Seite hinaus, die Auflösung liegt jenseits des Buches. Und doch sind die Figuren so gut erzählt, die Geschichte so klar gestrickt, dass das Ende dennoch nicht wirklich offenbleibt.

Überall Konflikte

Zwar ist Cal in erster Linie eine Liebesgeschichte, verknüpft mit so einer gewissen Catcher-In-The-Rye-Stimmung. Aber der zentrale Konflikt fußt auf der Zeitgeschichte Nordirlands. Es geht um Zugehörigkeit, Rassismus* und Widerstand, Schuld und Sühne. Und um die Frage, welche Mittel erlaubt sind, um Frieden und Freiheit zu erlangen.

Der Protagonist Cal fällt aus allen Rollen. Er ist zwar jugendlicher Außenseiter – was aber nur unterschwellig thematisiert wird. Er ist zwar irgendwie Teil der IRA – irgendwie aber auch nicht. Er ist zu Beginn zwar der abgeschottete, rebellierende Sohn – bleibt es aber nicht lang und sorgt sich am Ende um den psychisch und physisch abbauenden Vater. Er ist zwar Liebhaber – aber auch das darf er nicht wirklich sein.

Marcella, die Frau, in die sich Cal verliebt, ist dagegen Italienerin, Katholikin und mit einem Protestanten verheiratet. Sie ist nicht Teil des Nordirlandkonfliktes, aber Epizentrum des Buchkonfliktes. Sie ist klar in ihren Aktionen, aber gefangen in ihrem Leben. Auch sie kann sich nicht entscheiden, auf welcher Seite sie steht. Doch sie ist – anders als Cal – auch in ihrer Rolle gefangen.

Cal wurde in den 80er-Jahren verfilmt. Marcella wird darin von der Britin Helen Mirren gespielt, was irgendwie komplett seltsam ist, nur weil sie absolut nicht wie eine Italienerin wirkt. Der Altersunterschied zwischen Cal und ihr ist im Film deutlich größer als im Buch. Um das zu verstärken, darf sich der Schauspieler – anders als Cal im Buch – keinen Bart stehenlassen. So wirkt der Film stellenweise eher wie ein Versuch, die Reifeprüfung zu imitieren. Das meisterhafte Ende des Buches wird im Film relativ platt umgeschrieben.

* Cal wäre ein interessanter Stoff in Hinblick auf Rassismus. Denn die Katholiken in Nordirland sind auf eine ziemlich interessante Weise gleichzeitig weiß und nicht-weiß. Das Buch zeigt gleichzeitig, warum es keinen Rassismus gegen Weiße gibt und warum es ihn doch gibt. So werden sowohl Katholiken, als auch Protestanten aufgrund ihrer Herkunft angegriffen. Doch Protestanten haben den Vorteil, insbesondere in den machtausübenden Organen, nämlich der Polizei und der Armee überrepräsentiert zu sein – was sich beispielsweise bei Verkehrskontrollen bemerkbar macht. MacLaverty greift das in Cal greift auf: Während Cal und seine Freunde bei Verkehrskontrollen fürchten müssen, bei einer falschen Bewegung erschossen zu werden, wird der protestantische Vorarbeiter Cals – Cyril – von den Polizisten erkannt. Sie klopfen einmal aufs Autodach und Cyril fährt weiter, ohne überhaupt seine Papiere zeigen zu müssen. Allein deswegen gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen Protestanten und Katholiken. Weshalb erstere nicht wirklich Opfer von Rassismus werden können. Letztere aber schon – ohwohl selbst nordirische Katholiken natürlich letztendlich und trotz Allem zu den Weißen gehören – mit all ihren strukturellen Privilegien.

Bernard MacLaverty // Cal
Taschenbuchausgabe 2016 // 1983
Diogenes
240 Seiten

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