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Das subversive und das nicht-subversive Element der Bibel Christentum zwischen Gehorsam und Revolution

Buntes Fenster, Revolution, St. Petersburg

 

Der Glaube und insbesondere Religion werden gern missbraucht, um persönliche Interessen durchzusetzen. Das gilt ganz besonders, wenn es um die Verteilung von Macht geht. Je nach Standpunkt muss sich ein Christ bestehenden Machtorganen unterordnen – oder er ist zu heiligem Zorn verpflichtet. Aber welche Verhaltensweise ist denn nun richtig?

Sehen wir uns entsprechende Bibelstellen an und ziehen dann eine Schlussfolgerung.

Subversion betreibend. Vom (nicht klassisch) lateinischen Adjektiv subversivus → ‚umstürzlerisch, zerstörend‘, zum Verb subvertere, -verto, -vertī, -versum → ‚umstürzen, untergraben‘

https://de.wiktionary.org/wiki/subversiv

Das Nicht-Subversive der Bibel

Brav, unterwürfig, gehorsam. So lautet ein gängiges Klischee von Christen. Kein Wunder, im Neuen Testament spricht Paulus immer wieder davon, dass sich Christen irgendwem unterordnen sollen:

  • Sich gegenseitig1
  • Die Frau dem Mann2
  • Der Mann Christus
  • Und so weiter

Lass ich jetzt einfach mal so stehen.

Von Gott eingesetzte Herrscher

Insbesondere aber spricht Paulus in Römer 13 davon, dass jede Staatsmacht von Gott eingesetzt ist. Urks. Trump von Gott eingesetzt? So manch ein evangelikaler Christ in den USA glaubt das tatsächlich. Nach dieser Bibelstelle wäre aber auch Obama von Gott eingesetzt. Und Putin, Merkel sowieso. All die Tyrannen und Despoten. Hitler, Stalin, Mao. Schwer zu glauben.

König David nonsubversiv

König David, Egbert-Psalter
König David mit seiner Harfe, Foto: Egbert-Psalter, Erzbischof von Trier 977-993

Und auch im Alten Testament gibt es eine Figur, die diese Sichtweise durch ihre Handlungen stark untermauert: König David. Der Hirtenjunge, der früh vom Propheten Salomo gesalbt wurde. Der König, dem vorausgesagt wurde, dass aus seinem Stammbaum der Messias kommen würde, was sich dann in der Person Jesus Christus bewahrheiten sollte. Der Mann nach dem Herzen Gottes und der vermutlich berühmteste König Israels. Nun ist es durchaus erwartbar, dass ein solcher König nicht umgestürzt wird.

Doch gibt es zwei Ereignisse im Leben Davids, die das Nicht-Subversive eindrücklich schildern. Zum einen, als Saul König war und David durch die Salbung und laut Prophezeiung Anspruch auf den Thron gehabt hätte, David also selbst in gewisser Weise ein subversives Element war.3 Zum anderen, als viele Jahre später Davids Sohn Absalom Anspruch auf den Thron erhebt und David Opfer einer subversiven Bewegung war.4 In beiden Fällen unternahm David nichts umstürzlerisches oder etwas, was seine Macht gesichert hätte. Weder griff er nach der Macht, die Saul innehatte, noch verteidigte er seine eigene Macht Absalom gegenüber. Nähme man David jetzt als Vorbild, hieße das, dass Macht weder verteidigt noch ergriffen wird. Sie wird von Gott verliehen. Und weil niemand wissen kann, wer tatsächlich auf eine Machtposition gesetzt wurde, bleibt letztendlich nur, auf jegliche subversive Aktivität zu verzichten.

Dieser Zusammenhang wird schön thematisiert in „Der Stoff, aus dem die Könige sind“ von Gene Edwards.

Die subversive Bibel

Doch es gibt auch die andere Seite in der Bibel, zahlreiche Aussagen, die sich gegen die Mächtigen dieser Welt richten, gegen bestehende Machtstrukturen, insbesondere gegen Unterdrückung und Ausübung von Macht.

Israel wünscht sich einen König

Man könnte sogar sagen, dass eine feste, institutionelle Ausübung von Macht komplett unbiblisch sei, denn immerhin hatte das Volk Israel lange Zeit keinen König, Gott übernahm dieses Amt und hatte lediglich sogenannte Richter quasi als Stellvertreter im Volk (aber nicht dieser Gottgleich-Quatsch des Mittelalters). Doch die Israeliten wollten so sein, wie die Nachbarvölker und dazu gehörte halt auch ein richtiger König. Dem kann man gut zujubeln, er kanns ein bisschen krachen lassen, man kann sich mit ihm identifizieren und so weiter. Funktioniert ja heutzutage auch noch ganz gut mit diversen Königshäusern.

Als sich das Richteramt Samuels dem Ende zuneigte, forderte das Volk lautstark einen König und Gott ließ durch Samuel eine letzte Warnung aussprechen, was es bedeuten würde, einem Menschen die Macht über ein ganzes Volk zu geben.

Und Samuel sagte alle Worte des HERRN dem Volk, das von ihm einen König forderte, und sprach: Das wird des Königs Recht sein, der über euch herrschen wird: Eure Söhne wird er nehmen für seinen Wagen und seine Gespanne, und dass sie vor seinem Wagen herlaufen, und zu Hauptleuten über Tausend und über Fünfzig, und dass sie ihm seinen Acker bearbeiten und seine Ernte einsammeln und dass sie seine Kriegswaffen machen und was zu seinen Wagen gehört. Eure Töchter aber wird er nehmen, dass sie Salben bereiten, kochen und backen. Eure besten Äcker und Weinberge und Ölgärten wird er nehmen und seinen Großen geben. Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Großen geben. Und eure Knechte und Mägde und eure besten Rinder und eure Esel wird er nehmen und in seinen Dienst stellen. Von euren Herden wird er den Zehnten nehmen, und ihr müsst seine Knechte sein. Wenn ihr dann schreien werdet zu der Zeit über euren König, den ihr euch erwählt habt, so wird euch der HERR zu derselben Zeit nicht erhören.

1. Samuel 8,10-18 // Luther 2017

Doch die Israeliten missachteten diese Warnung und beharrten auf ihre Forderung.

Bäume, Pinien, Wald
Ein Wald im Kings Canyon National Park, Foto: Matt Artz / unsplash.com

Die Fabel der Bäume

Eine zweite Warnung vor dem Wunsch, sich unbedingt einen König krönen zu wollen, steht etwas weiter vorne, im Buch der Richter. Dort erzählt Jotam einige Jahre vor Samuel die Fabel der Bäume den Einwohnern von Sichem, die Jerubbaal zum König gemacht hatten. Diese Fabel sagt im Endeffekt aus, dass es niemanden gibt, der das Königsamt zum Wohl der Bevölkerung ausüben kann. Wenn der Mensch nach einer solchen Leiterschaft strebt, muss er sich letztendlich jemanden wählen, der ihn anschließend knechten wird.

Die Bäume gingen hin, um einen König über sich zu salben, und sprachen zum Ölbaum: Sei unser König! Aber der Ölbaum antwortete ihnen: Soll ich meine Fettigkeit lassen, die Götter und Menschen an mir preisen, und hingehen, über den Bäumen zu schweben? Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum: Komm du und sei unser König! Aber der Feigenbaum sprach zu ihnen: Soll ich meine Süßigkeit und meine gute Frucht lassen und hingehen, über den Bäumen zu schweben? Da sprachen die Bäume zum Weinstock: Komm du und sei unser König! Aber der Weinstock sprach zu ihnen: Soll ich meinen Wein lassen, der Götter und Menschen fröhlich macht, und hingehen, über den Bäumen zu schweben? Da sprachen alle Bäume zum Dornbusch: Komm du und sei unser König! Und der Dornbusch sprach zu den Bäumen: Ist’s wahr, dass ihr mich zum König über euch salben wollt, so kommt und bergt euch in meinem Schatten; wenn nicht, so gehe Feuer vom Dornbusch aus und verzehre die Zedern Libanons.

Richter 9,8-15 // Luther 2017

Werden wie die Kinder

Ein Sprung ins Neue Testament. Hier fordert Jesus erwachsene Menschen auf, wie Kinder zu werden.5 Was das bedeutet ist nicht ganz klar. Viele beziehen das auf den Glauben. So ein schön naiver, kindlicher Glaube. Das isses! Allerdings kenne ich jede Menge Kinder, die alles andere als leichtgläubig sind. Bezweifle diese Interpretation eher. Es gibt noch andere Möglichkeiten, diese Aussage zu interpretieren und jede dieser Möglichkeiten muss sich m.E. immer daran messen lassen, ob sie zumindest weitgehend allgemeingültig ist. Und genau das trifft auf Macht zu. Kinder sind im Vergleich zu Erwachsenen weitgehend machtlos.

Jenen, die Macht haben, zeigt Jesus ihre Verantwortung ganz deutlich. Er wirft den Pharisäern, den religiösen Machthabern vor, dass sie selbst nicht ins Reich Gottes gehen und gleichzeitig andere davon abhalten, hineinzugehen. (Mt 23,13) Wer sich so verhält, solle sich lieber einen Mühlstein um den Hals binden und ins Wasser werfen lassen.6

Jesus der Steuerzahler

Möglicherweise auch aufgrund dieser Haltung einigen Mächtigen gegenüber hatten Jesu Jünger zum Teil die Hoffnung, Jesus würde bestehende Machtstrukturen stürzen und Israel von der römischen Besatzung befreien. Genau das passierte allerdings nicht, Jahre nach seinem Tod schlugen die Römer jüdische Aufstände blutig nieder und zerstörten den Tempel. Jesus hielt es sogar für vollkommen richtig, dem Kaiser Steuern zu zahlen.

Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!

Matthäus 22,21 // Luther 2017

Dennoch war Jesus letztendlich kritisch jeglicher menschlicher Macht gegenüber – was ein Grund dafür war, warum er von vielen Mächtigen (den Pharisäern, Herodes, den Römern) oftmals missachten, verspottet, abgelehnt wurde.

Garn, gut sortiert
Alles in bester Ordnung. Foto: Héctor J. Rivas / unsplash.com

Schlussfolgerung: Gottes Ordnung vs. des Menschen Ordnung

Gott geben, was Gott gehört, dem Menschen geben, was dem Menschen gehört. Das taugt ganz gut als Zusammenfassung all dessen, was die Bibel zum Themenkomplex Macht/Subversion zu sagen hat.

Aber das ist nur so eine Art Notlösung. Eigentlich wäre Gott gerne unmittelbar der König für alle Menschen. Menschliche Hierarchien sind letztendlich nur ein Teil unserer gefallenen, sündhaften Welt (selbst wenn sie von biblischen Helden und erklärten Gotteslieblingen wie König David ausgeübt werden). In den biblischen Beschreibungen der Ewigkeit ist keine Rede mehr von Hierarchien. Vielmehr werden alle Menschen über die Welt herrschen und direkt Gott untergeordnet sein.

Dieses Idealbild wird auf der Welt nicht umgesetzt, stattdessen gibt es allerhand unterschiedliche Herrschaftssysteme – und keines davon wird von Gott bevorzugt. Durch sündhaftes Verhalten der Menschen sind sie alle Systeme fehlerhaft und produzieren zwangsläufig Leid (freilich gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Systemen). Das liegt auch daran, dass sich nicht sündhafte Leiterschaft nicht aufdrängt – und Niemand in keinem Herrschaftssystem der Welt Macht erlangt, ohne sich aufzudrängen. Leiterschaft im Sinne Gottes ist immer Dienerschaft. David zeigte das in seinen guten Tagen und Jesus zeigte das erst recht. Auch Paulus zeigte das und wir könne das immer wieder auch in unserem Umfeld beobachten, wenn sicherlich auch lediglich fragmentiert. Leiterschaft im Sinne Gottes ist ein Sich-zur-Verfügung-Stellen für ein Amt, das es halt nun einmal geben muss. Es ist ein Aushalten all der negativen Dinge, die die zum Herrscher auserkorenen Bäume in der Fabel im Buch der Richter vermeiden wollten.

Dennoch kann auch eine solche fragile Machtkonstruktion ohne echte Herrschaft und Machtaneignung nur funktionieren, wenn sich die Menschen einem Leiter unterordnen, wenn sie sich leiten lassen. Dort, wo eine von beiden Seiten ihre Rolle nicht spielt, wo Leiter ihre Macht missbrauchen oder verteidigen, wo einzelne nach Macht oder der Durchsetzung ihres eigenen Willens streben, entsteht Chaos. Aus Sicht der Bibel ist es erstrebenswert, dass diese fragilen Machtkonstrukte bestehen bleiben.

Allerdings gibt es eine weitere Bedingung für das Funktionieren fragiler Machtkonstrukte: Die Unterordnung aller unter Gott. König Jesus steht über allen und allem. Zwar gibt es in der Gesamtbetrachtung der Bibel keine Handhabe, die Einhaltung der Gebote Gottes durchzusetzen. Aber seine Gebote stehen immer über den Geboten der Menschen. Und hier haben wir dann das subversive Element: Immer dann und nur dann, wenn die bestehenden Machtstrukturen einen Menschen dazu zwingen, gegen das Gebot Gottes zu verstoßen, ist er dazu aufgerufen, subversiv zu handeln – das gilt für sämtliche subversive Aktionen, im Kleinen als auch im Großen.

Header Photo by Soviet Artefacts on Unsplash

  1. Epheser 5,21
  2. Epheser 5,24
  3. Sauls Geschichte wird von 1. Samuel Kapitel 8 bis 31 erzählt
  4. Absaloms Geschichte steht in 2. Samuel Kapitel 15 bis 18
  5. Matthäus 18,3
  6. Lukas 17,2

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