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Carl Nixon // Settlers Creek

Settlers Creek

Settlers Creek lag auf einem Wühltisch im Kaufhaus. Mängelexemplar. Auch dort verstecken sich manchmal gute Bücher. Es geht um Tradition, Zugehörigkeit und um die Frage, was genau Familie ist. Erzählt anhand eines Streits zwischen einem Neuseeländer und einem Maori.

  • Darum lesen: handwerklich gut geschrieben, spannend, einblicke in die Maori-Kultur
  • Darum nicht lesen: Es ist halt doch „nur“ ein Unterhaltungsroman. Die Thematik wird nur recht oberflächlich angekratzt.

Box Saxton ist Sohn eines Farmers, dessen Familie seit vier Generationen in Neuseeland lebt. Sein Gegner ist Tipene, ein Maori, dessen Ahnenreihe über jahrhunderte zurückverfolgen lässt. Diese beiden Männer streiten sich um ihren Sohn Mark. Oder besser: Um die Leiche ihres Sohnes. Der eine – Tipene – ist sein leiblicher Vater, verließ die Familie allerdings, als Mark noch ein Kind war. Der andere – Box – ist sein emotionaler Vater, kümmerte sich um ihn, seit Mark ein Kind war. Mark brachte sich selbst um. Warum – das bleibt das gesamte Buch über offen. Mark ist im Endeffekt nur ein Objekt anhand dessen eine Geschichte mit vielen sorgfältig gestrickten Gegensätzen und Gemeinsamkeiten der Widersacher erzählt wird:

  • Beide Männer lassen sich nicht mit dem Namen anreden, der in ihrem Pass steht. Der eine identifizierte sich irgendwann mit seinen Maori-Wurzeln und wählte einen neuen Namen, der andere behielt seinen Spitznamen, der ihm irgendwann in seiner Kindheit gegeben wurde.
  • Der eine war erfolgreich und lebt jetzt in Armut, der andere war arm und ist jetzt erfolgreich.
  • Für den einen ist das Begräbnis wichtig, weil es gewissermaßen seine Ahnenreihe abschließt. Für den anderen ist es wichtig, weil es seine Ahnenreihe fortsetzt.
  • Der entschließt sich, zu seinen Wurzeln zurückzukehren, der andere wendet sich von ihnen ab.

Perspektive: Box

Dabei legt Carl Nixon einen ganz klaren Schwerpunkt auf Box Saxton. Ihn begleitet der Leser von den ersten Seiten des Buches bis zu den letzten. Wir lesen von seiner Kindheit, dem Verlust des Bruders, seinem beruflichen Aufstieg und Fall. Wir lernen seine Eltern und Großeltern kennen, seine Vorfahren. Dafür lässt sich der Autor viel Zeit.

Und in diese Vertrautheit dringt plötzlich Tipene mit seiner ganz eigenen Art zu trauern und seinen eigenen Ansprüchen ein. Ja, wie ein Eindringlich kommt er in die Geschichte und stiehlt Marks Leichnam. Juristisch ist die Lager aber keinesfalls klar, der Prozess würde Monate dauern und bis dahin wäre Mark längst eine stundenlange Autofahrt entfernt beerdigt. Box dreht durch und dabei begleiten wir ihn ebenfalls – etwa die zweite Hälfte des Buches, in der es spannender und actionreicher zugeht, im Vergleich zur ersten Hälfte.

Rassismus?

Erstaunlich, dass es Nixon dennoch gelingt, dem Leser die Sichtweise Tipenes näherzubringen. Stellenweise entsteht sogar etwas wie Sympathie. Nämlich dort, wo sich einzelne Figuren aus der Maori-Gruppe zu erklären versuchern, freundlich bleiben, sich nicht provozieren lassen, Außeinandersetzungen aus dem Weg gehen – und dem durchdrehenden und brutalen Box nichts entgegenzusetzen haben.

Dennoch bleibt ein Ungleichgewicht bestehen. Box steht einer großen, anonymen Gruppe fremder Figuren gegenüber. Eindringlinge. Die der armen, vom Schicksal verfolgten Familie nicht mal eine vernünftige Trauer gönnt. Vermutlich war sich Nixon des Risikos bewusst, Vorurteile zu schüren oder sich gar Rassismusvorwürfen ausgesetzt zu sehen. Vermutlich gibt es deswegen diese Begegnung mit einem Hummerverkäufer, der Box für seine Tat lobt und ihn zum Volkshelden erheben will. Doch das macht Box auch wieder nichts mit. Er habe nichts gegen Maori, sagt er.

„Mir geht es ausschließlich um meinen Sohn.“ Box sah dem Mann ins Gesicht. „Manchmal geht es um rein persönliche Dinge.“

Fazit

Vom Stil, Plot und der Erzählweise ist mir Settlers Creek etwas zu normal. Die Einblicke in die Maori-Kultur sind mir nicht intensiv genug. Spannend ist zwar die Frage, wer worauf Anspruch hat und wie er diesen begründen kann. Diese Frage wird aber nicht weiter diskutiert.

Meine Buchausgabe ist eher nicht so schön. Langweilig und billig gestaltet. Und dann auch noch einer der übelsten Satzfehler: Eine Kapitelüberschrift als Schusterjunge. Brrr. Da hilft auch die kurze Übersicht maorischer Begriffe am Ende des Buches.

Carl Nixon // Settlers Creek
btb Verlag, Weidle Verlag // Random House Australia
2016, 2013 // 2010
344 Seiten

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#ReadAroundTheWorld

Mein Ziel: Aus jedem Land der Welt ein Buch lesen: Read Around The World

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