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Carl Spitteler // Imago

imago, Bilderrahmen

Eduard Engel empfiehlt Imago in seinem Standardwerk über guten Stil. Stimmt, von Imago kann man in dieser Hinsicht einiges lernen. Begeistern konnte mich das Buch dennoch nicht. Zu pathetisch ist mir diese Werther-Variante.

  • darum lesen: guter, sauberer Stil eines Literaturnobelpreisträgers
  • darum nicht lesen: Hauptcharakter voller Selbsmitleid und Pathos, etwas überzogene Geschichte

In die Leiden des Jungen Werther beschreibt Goethe in einer Reihe Briefe die unglückliche Liebe eines jungen Mannes zu einer verlobten Frau. Am Ende steht der Selbstmord – was zahlreiche Leser als Anlass nahmen, des ihm gleichzutun. Das Phänomen wird heute noch untersucht und ist unter dem Begriff Werther-Effekt bekannt.

Auch in Imago geht es um einen jungen Mann, der unglücklich in eine verheiratete Frau verliebt ist. Allerdings steht am Ende kein Selbstmord, lediglich die Aufgabe des Wohnsitzes. Eine Taktik, die dem Werther freilich nicht helfen konnte.

Die Geschichte ist allerdings weniger eine Werther-Kopie als ein autobiographischer Text. Zumindest reiste Spitteler aus St. Petersburg, wo er am Königshof diente, in die Heimat nach Bern zurück und traf dort auf eine verheiratete Frau, die er Jahre zuvor wohl hätte heiraten können, die inzwischen aber Ehefrau und Mutter war. Ich kann Spitteler aber nur Wünschen, dass ihn diese Beziehung emotional und gedanklich anders beschäftigte als den Viktor in Imago. Denn der überhöht nicht nur die Angebetete, auch seinen eigenen Verstand und vor allem seine frühere Entscheidung, ihr damals keinen Heiratsantrag gemacht zu haben. Und aufgrund dieser ach so edlen Entscheidung glaubt er irgendwie, sie sei ihm ewig verpflichtet.

In seinem Stolz gekränkt steigert er sich in irgendwelche Fantasien und Hirngespinste hinein, die Angebetete begegnet ihm als Göttin, in wahrer Gestalt kommt sie ihm als degenerierte Version ebendieser Göttin vor, er behandelt sie schlecht und alle, die ihr wohlgesonnen sind. Dann gibts irgendwann den Bruch, plötzlich liegt er ihr zu Füßen .

„Sie sind zu beneiden, die einen überweltlichen Gott haben, einerlei was für einen; wäre er ein Zornbold wie Jehova, ein Ungeheuer wie Moloch; denn kein Gott keiner Religion ist unerbittlich, keiner verstößt in die Hölle, wer ihm liebend naht, keiner spricht zum Verzweifelten: Ich kenne dich nicht.“

Mir war das zu anstrengend. Dieser Pathos. Wenn sich Viktor beispielsweise mit seinem Herz und seinem Verstand unterhält. Hat mir wehgetan, wie lächerlich sich dieser angeblich superrationale Mensch macht. Wie überheblich er sich außerdem über die Kleinstadt und das kleinbürgerliche Bildungsbürgertum darin auslässt (auch wenn das folgende Zitat doch recht treffend ist). Und ich nehme Spitteler dieses ganze Geschreibsel auch einfach nicht ab.

„Wenn man euch zur Rechten die Tür zum Paradies auftäte und zur Linken einen Vortrag über das Paradies ankündigte, ihr würdet sämtlich am Paradies vorbei in den Vortrag laufen.“

Das Frauenbild in Imago ist wohl zeit- und gesellschaftsgemäß. Trotzdem anstrengend, denn Frauen sind in Imago zwar anbetungswürdig, in erster Linie aber als Besitz. Frauen sind ansonsten in erster Linie dumm – zumindest im Vergleich zu den Männern. Naja, wenn rational zu sein heißt, wie Viktor zu denken, dann ist es für Frauen das größte Kompliment, irrational zu sein.

Im Anhang findet sich eine Abbildung einer Handschrift Spittelers, einige Hintergrundinformationen zum Werk, diverse Bilder, darunter auch eines der Angebeteten Spittelers, die Vorbild für das Objekt der Begierde in Imago war, sowie biographische Angaben.

Carl Spitteler // Imago
1. Ausgabe Suhrkamp Weißes Programm Schweiz 1990, 1906
Suhrkamp // Eugen Diederichs
208 Seiten

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