Der Mönch, das Kind und die Stadt
Fiktion,  lesen

Fernando Contreras Castro // Der Mönch, das Kind und die Stadt

Langsam plätschert das Leben dahin in San José in Costa Rica. Erst auf den letzten zehn Seiten entwickelt sich Spannung. Und dennoch ist es ein hervorragendes Buch, das von seinen Charakteren lebt.

  • Darum lesen: tolle Charaktere, langsames, zurückhaltendes Porträt einer Stadt.
  • Darum nicht lesen: manch einem ist es sich nicht spannend genug.

Der Mönch, das Kind und die Stadt. So zumindest der deutsche Titel, der ganz gut widergibt, worum es in diesem Buch geht. Um einen Mönch nämlich, ein Kind und die Stadt in der die beiden Leben: San José, die Hauptstadt von Costa Rica. Im Original heißt es Los Peor, das ist der Familienname des Mönchs und seiner Schwester. Im Laufe der Geschichte nimmt nicht nur das Kind diesen Namen an sondern zahlreiche Straßenkinder. Damit ist der Bogen schon etwas weiter gespannt. Doch das Buch hat noch viel mehr Figuren zu bieten und fast jede Figur ist auf ihre Weise herausragend und erwähnenswert.

Einige Figuren

  • Polyphem, das Kind, ist ein Zyklop. Hat also nur ein Auge, das in der Mitte der Stirn sitzt. Normalerweise sind Menschen mit einer solchen Deformation nicht lebensfähig. Aber Polyphem ist ein medizinisches Wunder.
  • Jéronimo Peor ist ein Mönch, der aufgrund seiner theologischen Ansichten (Gott ist beispielsweise eine Frau) aus seinem Orden geflogen ist. Außerdem ist er etwas verrückt. Läuft in Kutte durch San José, leckt Bordsteine, Fahrzeuge und Gebäude ab, um so die Stadt kennenzulernen. Läuft manchmal mit Blindenstock und geschlossenen Augen durch die Straßen. Kümmert sich außerdem fürsorglich um Polyphem. Das Buch erzählt quasi das Leben Peors, mit einem deutlichen Schwerpunkt allersdings auf der Zeit, in der Peor und Polyphem gemeinsam durchs Leben gehen.
  • Consuelo ist die Schwester von Peor. Sie ist Köchin im Bordell/Stundenhotel in dem ein Großteil der Handlung spielt. Gute Seele des Hauses und des Buches. Sie hält alle und alles zusammen.
  • Consuelos Mann sitzt eigentlich nur rum und kommt deshalb auch ohne Namen aus. Er ist schwerbehindert seit einem Schlaganfall. Dank Peors Pflege mit Naturheilkunde kommt er laaangsaaam ins Leben zurück.
  • Don Félix: Ein blinder Bettler, der mit seinem ebenfalls blinden Blindenhund durch San José läuft und die Stadt noch so wahrnimmt, wie er sie kannte, als er vor 30 Jahren noch sehen konnte.
  • Doña Elvira: Die Puffmutter und Hotelbesitzerin. Frauenrechtlerin und Geschäftsfrau.
  • Evans, ein Arzt im Ruhestand, der ehrenamtlich in Elviras Bordell vorbeischaut und den Huren kostenlose medizinische Versorgung bietet. Ist als Arzt dabei, als Polyphem auf die Welt kommt. Dokumentiert seinen Fall ausgiebig, nach seinem Tod übernimmt der Sohnemann diese Aufgabe.
  • Jede Menge Huren, darunter auch Polyphems Mutter, eine Tochter von Bauern, die unter dem erheblichen Einsatz von Pestiziden leidet. Wurde von ihren Eltern rausgeschmissen, als sie mit 16 bereits schwanger war.
  • Jede Menge Straßenkinder, die sich mit Polyphem und Peor anfreunden.

Was für ein bunter Haufen. Was für eine ansammlung ausschließlich positiver Figuren. Keine Bösewichte, weit und breit, zumindest keine, die einen Namen oder gar eine Stimme hätten. Sie handeln lediglich als anonyme Großgrundbesitzer, Politiker und Polizisten irgendwo im Hintergrund oder gar in der Vergangenheit. Und genau das ist auch das Thema dieses Buches:

„Sie hatte Angst vor ihm, fühlte ihm gegenüber die Abscheu, die jeder Mensch dem gegenüber verspürt, was er als anders, fremd und bedrohlich wahrzunehmen gelernt hat, obwohl ihr Jéronimo unermüdlich beizubringen versuchte, daß nichts Menschliches anders, fremd und bedrohlich war.“

Ungewöhnliche Sprache

Fernando Contreras Castro ist einer der wichtigsten Autoren Costa Ricas und arbeitet als Professor für Literatur an der Universität von Costa Rica in San José. In Deutschland ist er weitgehend unbekannt. Wie gut das Werk übersetzt wurde, weiß ich nicht, aber es scheint einige für meine Sprachkenntnis unverbrauchte Bilder zu verwenden.

„Als sie sich ihm näherte, um ihn hinauszuwerfen, hielt sie etwa unbestimmtes zurück, beinahe körperlich spürbar, so wie sich vielleicht ein Puzzle fühlen würde, wenn es eines schönen Tages, nachdem es sich mit ungeheurer Anstrengung an das Fehlen eines verlorenen Stücks gewöhnt hat, eben dieses Stück zufällig wiederfände.“

Im Buch sind einige Rechtschreibfehler, es ist nicht gerade schön gesetzt, der Text wirkt etwas gestaucht, was auch dran liegt, dass es keine Kapitel gibt, lediglich längere Absätze, die jeweils mit Kapitälchen eingeleitet werden.

„Jéronimo, wozu sind denn die Wasserpistolen gut?“
„Um den Schwalben zu trinken zu geben.“
„Aha … und die echten Pistolen?“
„Um den Menschen zu sterben zu geben.“

Themenvielfalt

Neben dem Kernthema, der unantastbaren Würde eines jeden Menschenlebens, egal wie abstoßend, fremdartig, unerheblich es zu scheinen mag, schneidet Castro jede Menge weitere Themen an:

  • den Fortschritt: mindestens zweifelhaft
  • rücksichtsloses Gewinnstreben: das Böse
  • moderne Medizin: kurzsichtig
  • Religion: zumindest innerhalb der offiziellen Grenzen einengend

Es geht um die Kunst, im täglichen Leid ein gutes Leben zu führen. Und um die Lüge als probates Mittel dieser Kunst.

Fernando Contreras Castro // Der Mönch, das Kind und die Stadt
1. Auflage 2002 // 1995
MaroVerlag // Verlag Farben
207 Seiten

Weitere Buchbesprechungen

  • ebenfalls sehr positive Rezi von den Vorlesern
  • Werner Schuster vergibt auf eselsohren.at 3,25/5 Eselsohren (er findet die Figuren zu skurril)

#ReadAroundTheWorld

Mein Ziel: Aus jedem Land der Welt ein Buch lesen: Read Around The World

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