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Catherine Strefford // Nur kurz leben

Nur kurz leben, Autositz

Ich stehe auf Roadtrips. Nicht nur im echten Leben, auch in medialer Form als Roadmovie. Insofern hatte Nur kurz leben gute Karten bei mir. Dass es das beste Selfpublisher-Buch werden sollte, das ich bisher lesen durfte, war dennoch nicht zu erwarten.

Nur kurz Leben, das Debütwerk von Catherine Strefford, hat seit seinem Erscheinen schon einige Leser begeistert. Habe das auf Twitter immer so ein bisschen mitgekriegt. Hat meine Neugierde durchaus befeuert. Jetzt habe ich es auch endlich gelesen – und ich reihe mich in die Lobeshymnen ein. Ein wirklich tolles Buch, würde sogar sagen das beste Selfpublishing-Buch, das ich bisher gelesen habe. Gut, das waren nicht soo viele, deswegen zähle ich jetzt mal alle Bücher der kleineren Verlage und jene von unerfahrenen Autoren mit dazu.

Die Geschichte

Richie hat kein Bock mehr auf sein eintöniges Leben als Versager. Also klaut er kurzerhand 14.000 Euro aus der Tankstelle, in der er arbeitet und fährt mit dem Auto einer Kundin davon. Einen Plan hat er nicht. Dafür einen blinden Passagier: Leon schläft auf der Rückbank des Autos. Und jetzt sind die beiden auf der Flucht. Vor der Polizei, der Vergangenheit, der Realität.


Die Prämisse der Geschichte ist nicht ganz neu. Eine sterbenskranke Figur eignet sich halt hervorragend, um alle anderen Figuren und auch den Leser zum Nachdenken zu bringen, was man mit seinem luxuriös langen Leben vielleicht anfangen könnte. Nur kurz leben erinnert mich von der Grundstimmung her an Superhero, auch wenns darin weniger ums Meer, dafür mehr um Sex geht, es erinnert mich an Vincent will Meer und an Knockin‘ On Heaven’s Door. Aber die Geschichte und die Figuren sind dennoch eigenständig. Mehr noch. Sie wirken, als wären sie schon immer da gewesen.

Ich stelle mir Geschichten gerne so vor, als würden sie alle bereits existieren, man muss sie nur aus dem Leben, das eben passiert, herausholen. So, wie Skulpturen bereits im Stein oder im Holz drin sind und man sie nur herausarbeiten muss. Catherine Strefford gelingt das außerordentlich gut.

„Ich gleite auf den Fahrersitz, mein Rucksatz landet neben mir. Sitz und Spiegel einstellen, Zündschlüssel drehen, auf geht’s – tschüss, beschissenes Leben.“

Es gibt immer etwas auszusetzen

Weil ich so begeistert bin, vielleicht mal die Kleinigkeiten, die mich ein bisschen stören: Richie und Leon sind mir zu sympathisch, politisch korrekt, entsprechen zu sehr dem Zeitgeist. Sie sind tolerant, weltoffen, in keinster Weise übergriffig, und wenn doch, bemerken sie das sofort und bitten um Entschuldigung. Sie wollen das Leben genießen, niemandem weh tun und gehen lediglich zu unfairen Übermächten in Opposition, verkörpert durch den Tankstellenchef und ansatzweise die Helikoptermutter. Das geht so weit, dass sich Richie sogar bereitwillig sein Geld, seine gesamte Zukunftshoffnung klauen lässt.

Am Ende franst das Buch etwas aus. Das ist schade, weil Catherine Strefford das Buch zu Beginn ganz stringent nach Wochentagen unterteilt. Nach Montag kommt halt nun mal Dienstag. Dann durchbricht Strefford ihren wohlgeordneten Rahmen, es gibt eine absolut unnötige Rückblende und dann stolpert die Geschichte ohne Rhythmus in ein Ende, das vielleicht zu großen Wert auf Realismus legt.

Na ja, ich sagte ja, dass es Kleinigkeiten sind.

„Vielleicht wird es endlich Zeit, Batman zu werden“, ruft er, hebt die Hand zum Abschied und geht in Richtung Parkausgang. Verschwindet langsam in der Masse von Spaziergängern, Joggern, Gassigehern, bis ich ihn nicht mehr sehen kann.

Stimmige Sprache, gute Komposition

Umso mehr gefällt mir Streffords Stil. Meistens unaufgeregt und klar, nur selten gibts die Unsicherheiten, die zu einem Debütwerk auch einfach dazugehören. Häufig umganssprachlich, aber das passt zur Geschichte und den Figuren. Niemals langweilig. Sie zieht das Buch nicht unnötig in die Länge, verzichtet auf Landschaftsbeschreibungen (die allerdings gut in das Roadmovie-Konzept des Buches gepasst hätten), macht aus der Flucht keinen Actionfilm, romantisiert nicht das Leben eines Plötzlichverbrechers. Mit anderen Worten: Sie bleibt bei ihrem Stoff. Das wirkt alles stimmig und gut durchdacht.

Erkennbar auch an dem perfekten Bogen, den die Geschichte beschreibt und der so großartig an das Roadmovie-Motiv angepasst ist. Flucht vor dem Leben, Erkenntnis und dann die Rückkehr zu sich selbst. Das ist zwar irgendwie unspektakulär, dafür aber poetisch. Anders hätte die Geschichte nicht verlaufen dürfen.

„Das kühle Wasser kribbelt auf der Haut. Ich tauche unter. Meine Augen brennen vom Salzwasser. Egal, noch mal tauchen. Salzwasser schlucken, atmen, die Luft anhalten, untertauchen, wieder auftauchen, die Kühle Luft auf der Haut spüren, Sterne sehen, im Wasser treiben, alles fühlen. Alles.“

Catherine Strefford // Nur kurz leben
Erstausgabe, 2020 // Rezensionsexemplar
BoD
145 Seiten

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