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Die Reise in den Westen

Die Reise in den Westen

Hat nur 28 Monate gedauert, dann war ich auch schon durch. Was für ein gigantisches Buch. Schwer zu lesen, oberflächlich betrachtet extrem redundant. Extrem einflussreich, tiefschürfend und voller Metaphern.

  • Darum lesen: gehört zur wichtigsten chinesischen Literatur überhaupt.
  • Darum nicht lesen: sehr lang, schwer zu lesen, ohne Sekundärliteratur kaum verständlich.

Auf über 1.200 Seiten reist der Mönch Tripitaka mehr als 100.000 Meilen nach Westen, um buddhistische Schriften zu holen. Die Reise dauert zehn Jahre lang und Tripitaka muss dabei 9 mal 9 Gefahren, bzw. Leiden überstehen. Dabei handelt es sich in erster Linie um Auseinandersetzungen mit Dämonen, Drachen und Geistern. Wobei überstehen etwas positiv klingt. Ohne Hilfe wäre Tripitaka wahrscheinlich direkt vom ersten Dämon gefressen worden, aber er hat schlagkräftige Unterstützung dabei, in erster Linie vom Affenkönig Wukong. Der vermöbelt alles und jeden, was sich der kleinen Gruppe in den Weg stellt.

So ist Wukong auch die heimliche Hauptfigur des Buches, denn im ersten Teil lesen wir seine Geschichte, seinen Aufstieg zum Affenkönig, die Erlangung der Unsterblichkeit, sein Rumgepöbel in den himmlischen Palästen. Erst im zweiten Teil – der freilich den Großteil des Buches ausmacht – beginnt die Reise. In den letzten drei Kapiteln treffen die Reisenden dann tatsächlich auf Buddha, nehmen tausende Schriften mit und reisen zurück nach China.

Kulturelle Bedeutung

Die Reise in den Westen gehört zu den klassischen Romanen Chinas. Er behandelt buddhistische, Daoistische, konfuzianische Motive sowie allerhand Märchen und Legenden. Er beruht auf der Reise des Mönchs Xuanzang, der um 630/640 rum von China nach Indien reiste, um buddhistische Lehren mit in seine Heimat zu bringen. Der Romanstoff wiederum ist selbst Basis für unzählige Produktionen. Gerade Wukong taucht in Filmen, Büchern und Computerspielen auf. Allerdings geht die Bedeutung der Reise in den Westen weit über reine Unterhaltung hinaus. Einzelne Kapitel oder begebenheiten werden intensiv untersucht, interpretiert und in verschiedensten Pubikationen und Situationen angewendet.

Keine Ahnung, wie treffend der Vergleich ist, aber mich erinnert die Rolle das Romans an die Rolle, die die Bibel in der westlichen Kultur spielt. (Und ich vermute mal, ähnlich zeitaufwendig wie bei der Bibel wäre es, die Reise in den Westen wirklich bis in die Tiefe hinein zu verstehen.)

Zur Aufmachung des Buches

Um das Verständnis dem möglicherweise nicht ausreichend gebildeten Leser zu vereinfachen gibt es zahlreiche Fußnoten mit Erklärungen – schon fast, wie in einer Studienbibel. Die Übersetzering Eva Lüdi Kong erklärt Wortspiele, bzw. Spiele mit Schriftzeichen und Anspielungen auf die vielen folkloristischen und religiösen Elemente im Buch. Das hilft, um zumindest ansatzweise erahnen zu können, welche tiefere Bedeutung hinter dem x-ten (und vordergründig doch immer recht ähnlich ablaufenden Kämpfen) steckt. Auch im Anhang erklärt die Übersetzerin einiges, unter anderem zur Götterwelt.

Eva Lüdi Kong arbeitete 17 Jahre lang an dieser Übersetzung. Um dem Stoff gerecht zu werden, schrieb sie sich an der Zhejiang Uni für einen Master in klassischer chinesischer Literatur ein. Sie Besprach ihre Versuche mit daoistischen Mönchen. Eine wahnsinnige Leistung, die ihr den Preis der Leipziger Buchmesse für die beste Übersetzung einbrachte. Schon allein zur Würdigung einer solchen wirklich extraordinären Leistung sollte man das Buch lesen. Vor diesem Hintergrund fällt es auch nicht mehr schwer, 80 Euro auszugeben.

Das Buch ist bei Reclam erschienen, der Einband ist im typischen Gelb gehalten. Auch der Satz ist aus anderen Reclam-Büchern bekannt. Das wars dann aber: Über 1.300 Seiten, dünnes Papier (wieder so eine Bibel-Parallele), eineinhalb Kilo schwer. Eher nicht Reclam-typisch. Sehr gut gefallen mir die 100 Holzschnitte aus dem frühen 17. Jahrhundert.

Autorenschaft

Wer der Autor des Buches ist, ist unklar, auch wenn Wu Cheng’en häufig genannt wird. Zahlreiche weitere Theorien wurden erstellt und verworfen. Wu Cheng’en wäre ohnehin nur der Verfasser der heute verwendeten Version des Stoffes von 1748. Daneben liegen aber viele weiter Versionen mit abweichenden Kapiteln und Textstellen vor. Ohnehin scheint es sich eher um ein Stoffkonvolut zu handeln, dass sich über die Jahre verändert hat. Tripitaka basiert wie gesagt auf einem Mönch, der tatsächlich lebte. Die Figur des Affenkönig taucht auch in anderen, viel älteren Werken auf.

Interpretation des Stoffes

Die Reise in den Westen ist im Grunde ein klassischer Roadtrip. Die Figuren legen rein äußerlich eine große Distanz hinter sich, viel wichtiger ist aber die innere Reise. 81 Prüfungen müssen Tripitaka und seine Begleiter überstehen. All die unerwindbaren Flüsse, die Dämonen, die Kämpfe, die magischen Gegenstände stehen jeweils für weltliche Versuchungen und Probleme, die einen Menschen vom guten Weg abhalten. Dementsprechend werden sowohl Tripitaka als auch die meisten seiner Begleiter am Ende der Reise zu Buddhas erklärt.

„Die wahre Frucht unserer Lehre ist die Erlangung des Nirvana, und dafür müssen wir uns mit aufrichtigem Glauben hingeben.“

Die thematische Vielfalt ist beeindruckend. Da geht es unter anderem natürlich um Sünden, um die richtige Lehre, um chinesische Medizin, Meditation, richtiges wirtschaftliches Handeln, Treue und Verrat, Bürokratie oder Abtreibung werden angesprochen. Deswegen konnte das Buch auch den Stellenwert erreichen, den es heute eben besitzt.

Die Reise in den Westen
Übersetzt von Eva Lüdi Kong, 4., durchgesehene Auflage 2017, 2016 // 1748, 16. Jh
Reclam
1.319 Seiten

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Mein Ziel: Aus jedem Land der Welt ein Buch lesen: Read Around The World

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