Emily Dickinson, Guten Morgen Mitternacht
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Emily Dickinson // Guten Morgen Mitternacht

Als ich anfing, mich mit Lyrik zu beschäftigen, stolperte ich recht schnell über Emily Dickinson. Die Gedichtsammlung Guten Morgen Mitternacht konnte mich begeistern, gehört aber nicht zu meinen Lieblingswerken.

  • Darum lesen: großartige, zu Lebzeiten weitgehend unbekannte Dichterin, später als Genie erkannt.
  • Darum nicht lesen: Teilweise komplizierter Stil, Texte ungeschickt gesetzt.

Sowas mag ich ja. Emily Dickinson lebte weitgehend zurückgezogen, schrieb ihre Gedichte, veröffentlichte sie nicht, ja wehrte sich förmlich dagegen. Sie hatte per Brief Kontakt zu einigen Menschen, arbeitete an sich, entwickelte einen eigenen Stil, den niemand kapierte. Nach ihrem Tod wurden ihre Gedichte zum Teil geglättet. Und irgendwann wurde ihr Genie der Öffentlichkeit offenbar. Toll. Da muss etwas in ihr geschlummert haben. Wie aus dem Nichts ist dieser Stil gewachsen. Und sie war sich dessen so sicher, dass sie ihre Gedichte gegen jene, die sie als Vorbild oder Lehrer auserkohr, verteidigte.

Ich komme ehrlich gesagt auch nicht immer mit ihren Gedichten zurecht. Zuviele Satzfragmente, zu viele Gedankenstriche, die Bedeutung oftmals zu gut versteckt. Aber hier und da steige ich durch.

Much Madness is divinest Sense –
To a discerning Eye –
Much sense – the starkes Madness –
‚Tis Majority
In this, as All, prevail –
Assent – and you are sane –
Demur – you’re straightway dangerous –
And handled with a Chain –

Die Gedichte sind in Guten Morgen Mitternacht auf englisch und deutsch abgedruckt, in der Übersetzung von Lola Gruenthal, die auch ein Nachwort beisteuert. An diesen Übersetzungen wird deutlich, welch kreative Leistung die Übersetzung eines Gedichts ist. Lola Gruenthal schiebt Worte zwischen den Zeilen herum, spielt mit den Zeitformen, erfindet neue Worte und setzt die Gedankenstriche genauso frei wie Dickinson.

In einem zweiten Teil folgen noch einige Briefe, die Emiliy an ihren selbstgewählten Lehrer Thomas Higginson schrieb und die zusammen mit dem Nachwort von der Übersetzerin Gruenthal einen guten Eindruck von Emily Dickinson verschaffen.

In meiner Hand fühlt‘ ich die Kraft,
Gegen die Welt zu zieh –
War nicht so stark wie David einst –
Doch war ich doppelt kühn –

Ich ziehlte meinen Kiesel – doch
Es fiel nur ich allein –
War Goliath – zu riesengroß –
Oder war ich zu klein?

Auch, wenn Dickinsons Gedichte für mich anstrengend waren, machte es dennoch Spaß hineinzutauchen. Was den Spaß allerdings trübte, war der Textsatz. Denn die Gedichte wurden einfach unterinandergestellt, zur Not die letzte Strophe auf einer neuen Seite. Vom Text her ist es allerdings nicht immer einfach, zu erkennen, ob eine Strophe noch zum vorherigen Gedicht gehört. Ein neues Gedicht wird in diesem Band durch einen minimal größeren Initialbuchstaben gekennzeichnet. Kann man grad am Seitenbeginn leicht übersehen.

Emily Dickinson // Guten Morgen Mitternacht
Sammlung von 1997, Lola Gruenthals Übersetzungen erschienen 1959 // 1849-1884
Diogenes
149 Seiten

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