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Erhart Kästner // Aufstand der Dinge

Erhart Kästner wandert durch Istanbul, über das griechische Festland, auf Kreta. Er wandert langsam, beobachtet genau und lässt seine Gedanken schweifen. Aufstand der Dinge ist ein äußert anregendes Buch für jene, die gerne Nachdenken.

  • Darum lesen: intellektuell herausfordernd, interessante Gedankengänge.
  • Darum nicht lesen: zweifelhafte NS-Vergangenheit.

Der Aufstand der Dinge ist ein langsames Buch. Kein Wunder, Erhart Kästner ist ja auch ein Fan des langsamen Reisens und lästert über Touristen, die meinen, nach zwei Wochen Urlaub einen beliebigen Ort kennengelernt zu haben. Er selbst hielt sich mehrere Jahre in ehemals byzantinischen Gebieten in Griechenland und der Türkei auf. In Aufstand der Dinge schreibt er insbesondere über Istanbul und Kreta; besonders wichtig ist die Hagia Sophia – die inzwischen wieder Moschee ist und nicht mehr Museum, wie zu Kästners Zeiten. Er schreibt über geschichtliche Hintergründe, erzählt Anekdoten und philosophiert gemütlich vor sich hin. Das regt eigene Gedanken an, fordert dazu auf, seine Thesen und Ideen selbst zu durchdenken. Ein sehr intellektuelles Buch.

Aufstand der Dinge: Kontrollverlust

Der Aufstand der Dinge ist eine Art Weissagung. Die Dinge – und damit meint er nicht bloß Artefakte sondern alles Nichtmenschliche – werden sich der Kontrolle der Menschen entziehen. Den Menschen, die alles beherrschen, verstehen, ordnen wollen. Die Dinge werden rebellieren und ihre Eigenständigkeit bewahren. Das hat beispielsweise Auswirkungen auf die Wissenschaft, die eben letztendlich am eigenen Anspruch scheitern wird, alles erforschen, erklären, verstehen zu wollen.

Die einzige richtige Reaktion nach Meinung Kästners: Langsamkeit und Demut. Langsamkeit im Umgang mit und Demut in Bezug auf die Dinge. Die Natur. Die Geschichte. Die Welt. Alles um uns herum. Er fordert dazu auf, den Dingen Raum und Zeit zu geben. Wir sollen Wertschätzung lernen und nicht Ausbeutung optimieren.

Aktuelle Debatte: Klimawandel, Corona

Kästners Aussagen lassen sich wunderbar in die Gegenwart transportieren. Tatsächlich scheinen dem Menschen die Dinge außer Kontrolle zu Geraten. Weder Corona noch der Klimawandel lassen sich kontrollieren. Die Natur scheint gegen die Menschheit zu rebellieren und sich der menschlichen Ordnung, der Ausbeutung zu widersetzen. In Anbetracht der Katastrophe, die immer größer und umfangreicher zu werden droht, scheitert der Mensch mit Kontrollversuchen. Die Logik des Buches fordert auf, den jungen Menschen die Entscheidung zu überlassen. Denjenigen, die mit den Folgen weitereichender Entscheidungen leben müssen. Quasi ein Manifest für Fridays for Future.

Die Katastrophen, die Kästner in seinem Buch anspricht, sind menschengemacht. Es geht beispielsweise um die Kämpfe um Konstantinopel, das schließlich von Mehmed II erobert wurde. Die Hagia Sophia, diese großartige Kirche wurde zur muslimischen Moschee. Später zum Museum. Beides wurde jahrzehntelang hingenommen. Jetzt, wo aus dem Museum wieder eine Moschee wird, regt sich Widerstand. Erzbischof Hyeronimus, Oberhaupt der Orthodoxen Kirche Griechenlands nannte die erneute Umwandlung „einen Akt der Schändung„.

Doch genau, wie lange hingenommen wurde, dass die Kirche bereits einmal in ihrer Geschichte zur Moschee und dann eben zum Museum wurde, wird man in Zukunft hinnehmen, dass sie jetzt halt mal wieder eine Mischee ist. Man gewöhnt sich quasi an alles – auch an eine Welt nach dem Klimawandel oder an eine Welt, nachdem dieser abgewendet wurde. An eine Welt mit oder ohne Rassismus, an eine Welt mit oder ohne Gendersternchen. Es sind die Dinge, die den Aufstand üben, es ist nicht unser Aufstand gegen die Dinge.

Ein Anti-Konservatives Buch

Der Subtext des Aufstands der Dinge ist: Ihr älteren Menschen, regt euch nicht auf. Ihr könnt die Welt nicht kontrollieren, ihr könnt die Dinge nicht so (be)halten, wie sie sind. Die Welt wird sich verändern, sie dreht sich weiter, das ist zwangsläufig. Lasst los. Hört auf zu kämpfen. Veränderung ist nichts Schlimmes. Es werden neue Generationen folgen, die mit den für euch nicht hinnehmbaren Zuständen aufwachsen – und sie als normal empfinden werden.

Insofern ist der Auftand der Dinge ein sehr Anti-Konservatives Buch. Und gleichzeitig irgendwie zutiefst konservativ, wenn Kästner für die Langsamkeit wirbt und sich wünscht, dass die Menschheit von gewissen modernen Strömungen nicht mitgerissen wird.

Aber will Neuzeit immer so knabenhaft bleiben, daß sie jeweils das Vorige für töricht hält und nur das, was als neue Lehre gerade im Schwange ist, für gültig? Hat sie so viele Ketten zerrissen und so große Erfolge errungen, um sich von einem so archaischen Trieb, wie es der Vaterhaß ist, tyrannisieren zu lassen?

Zum Autor: Erhart Kästner

Erhart Kästner war Buchhändler, studierte dann Germanistik, Geschichte und Philosophie und machte auch seinen Doktor in Germanistik. In der Nazizeit sowie der Nachkriegszeit war er Bibliothekar. Und dann war er natürlich noch Schriftsteller. Quasi Vorzeigeintellektueller. Er reiste gerne. Einfach und langsam, mit dem Faltboot, abseits der vielbefahrenen Routen. Später natürlich durch Griechenland, auf Kreta und zu einsamen griechischen Inseln.

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Erhart Kästner // Aufstand der Dinge
Originalausgabe, 16.-18. Tausend 1974, 1971
Insel Verlag
326 Seiten

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