Die Physiker, Wurzelholz
Fiktion,  lesen

Friedrich Dürrenmatt // Die Physiker

Dürrenmatts Physiker las ich zu Studienzeiten und war begeistert. Jetzt fand ich das Stück im Bücherschrank und packte es sogleich ein. War wohl eine Schullektüre, mit allerhand hineingekritzelten „Interpretationshilfen“.

Wenn ich Theaterstücke lese, sehe ich keinen Film vor meinem geistigen Auge, wie das bei Romanen der Fall ist. Ich sehe eine Theateraufführung. Bei den Physikern klappt das besonders gut, weil das Stück einfach so grandios geschrieben ist. Es geht um eine Irrenanstalt, in der einige Morde passieren, einige Patienten, die sich für Physiker halten, töten Krankenschwestern.

Der vierseitige Vortext ist komplett irrelevant. Keine Ahnung, wozu es den gibt. Der Rest ist aber hervorragend, humorvoll und präzise. Zu Recht ein Klassiker. Hoffe, die Schülerin, die da ins Buch geschrieben hat, hatte ihren Spaß an der Lektüre.

Die Themen

Auf gerade einmal 72 Seiten Dramatext behandelt Dürrenmatt:

  • die Frage von Schuldfähigkeit
  • die Frage von Verantwortung
  • und die Frage, was genau geistige Krankheit und Gesundheit überhaupt sind.

Dabei baut Dürrenmatt jede Menge Täuschungen und Wendungen ein, es ist eine Freude.

NEWTON Darf ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen, Herr Inspektor?
INSPEKTOR Selbstverständlich.
NEWTON Ich bin nicht Sir Isaac. Ich gebe mich nur als Newton aus.
INSPEKTOR Und weshalb?
NEWTON Um Ernesti nicht zu verwirren.
INSPEKTOR Kapiere ich nicht.
NEWTON Im Gegensatz zu mir ist Ernesti doch wirklich krank. Er bildet sich ein, Albert Einstein zu sein.
INSPEKTOR Was hat das mit Ihnen zu tun?
NEWTON Wenn Ernesti nun erführe, daß ich in Wirklichkeit Albert Einstein bin, wäre der Teufel los.
INSPEKTOR Sie wollen damit sagen –
NEWTON Jawohl. Der berühmte Physiker und Begründer der Relativitätstheorie bin ich. Geboren am 14. März 1879 in Ulm.

Im Anhang

Im Anhang findet sich ein kurzer Nachweis zur Textfassung, der aber nicht weiter interressant ist. Ganz anders Dürrenmatts 21 Punkte zu den Physikern, die auch im Programmheft der Uraufführung des Theaterstücks zu finden waren. Darunter finden sich einige Aussagen, die aus Schriftstellerischer Sicht interressant und diskussionswürdig sind:

  • „3. Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“
  • „4. Die schlimmstmögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein.“
  • „5. Die Kunst des Dramatikers besteht darin, in einer Handlung den Zufall möglichst wirksam einzusetzen.“
  • „7. Der Zufall in einer dramatischen Handlung besteht darin, wann und wo wer zufällig wem begegnet.“
  • „20. Wer dem Paradoxen gegenübersteht, setzt sich der Wirklichkeit aus.“

Die 21 Punkte finde ich sogar spannender als das Stück selbst. Das Stück unterhält mich, Dürrenmatts Punkte bringen mich zum Nachdenken.

Friedrich Dürrenmatt // Die Physiker
Band 7 der Werkausgabe 1998, Neufassung des Stücks von 1980 // 1962
Diogenes
95 Seiten

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