Fiktion, lesen, Lyrik
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Gottfried Benn // Das Jahrhunderwerk

gottfried benn, das jahrhundertwerk

In der Schule las ich Morgue – und war begeistert. Jetzt kaufte ich mir Gottfried Benns gesammelten Werke – und wurde enttäuscht.

  • Darum lesen: sehr schönes Buch, selbst bisher unveröffentlichte Fragmente, einer der wichtigsten deutschen Lyriker das 20. Jahrhundert
  • Darum nicht lesen: sehr anspruchsvoll, verschlüsselt, sehr schwer zu lesen

Gottfrieds Benns Jahrhunderwerk bestehen aus zwei Bänden, dem lyrischen Gesamtwerk und einigen prosaischen Stücken. Und rein als Artefakt ist das traumhaft. Das dünne, weiche Papier hängt zwischen zwei dicken, stabilen Buchdeckeln, ein Buchrücken fehlt, dafür wurde die Rückseite der Fadenheftung bedruckt. Beide Bände stecken in einer Bauchbinde aus Packpapier, das Cover ist in Siebdruckoptik gehalten. Gefällt mir. Und war auch ein Grund, mir das Werk mal schenken zu lassen.

Jetzt habe ich eines der beiden Bände, den Lyrikband durch. Hat mich enttäuscht, weil ich dann doch noch etwas mehr Morgue erwartet hatte – aber kaum fand. Dieses Gedicht mit den Beschreibungen aus der Obduktion faszinierte mich als Schüler. Dieser morbide, düstere Text war was andres als all die Schillers und Goethes. Aber Morgue ist gar kein typisches Gedicht für Benn und ähnliches ist in seinen gesammelten Werken kaum zu finden. Das gilt definitiv für die Sammlung von 1956, dem ersten Teil des Bandes. In den weiteren Teilen, in denen Gedichte zu finden sind, die zwar veröffentlicht wurden, nicht aber in der Sammlung von 1956, sowie unveröffentliches Material aus dem Nachlass und poetische Fragmente, sieht es etwas anders aus.

Dazu ein kleiner Einschub. Das Inhaltsverzeichnis ist halt mal komplett für den Arsch. Erster Eintrag zu Seite 5, der zweite zu Seite 325. Warum erfahre ich nicht, auf welcher Seite ich die Gedichte aus dem Nachlass finde? Aufgeführt ist der Teil im Inhaltsverzeichnis, die Seitenangabe fehlt aber.

Diese Gedichte, die nicht oder nicht in der öffentlichen Sammlung veröffentlich wurden, gefallen mir deutlich besser, nicht nur, weil der Ekel, das Morbide viel präsenter ist, nein, mir erscheinen die Gedichte auch einfacher. In diesen Gedichten scheint Benn nicht ganz so hochtrabend zu sein. Ich verstehe fast keines seiner Gedichte aus der 1956-er Sammlung. Muss erst googlen und mir mögliche Bedeutungen mühsam zusammensammeln. Gut, kann auch Spaß machen sowas. Aber dafür brauche ich dann nun wirklich keine gesammelten Werke. Da bin ich ja den Rest meines Lebens beschäftigt. Und: ich lese Benns Gedichte halt auch sprachlich und vom gedachten wie ausgesprochenen Klang nicht gerne. Viel zu sperrig.

Als sperrig und letztendlich untauglich erwies sich auch der Einband. Die Buchdeckel sind zu stabil, die Bindung ohne Rückgrat zu schwach. So zeichnete sich schon nach wenigen Öffnungen des Buches ab, dass ich den Rückendeckel bald verlieren würde. Ich meine, so ein Gedichtband liest man ja jetzt auch nicht mal eben in einem Rutsch durch. Das ist doch auch dazu da, dass man da ein bisschen rumblättert. Benns Gedichte eignen sich erst Recht zum Binge-Reading. Im Gegenteil. Ein Gedicht pro Woche wäre ratsam.

Tja, der Deckel ist ab. Hübsch finde ichs trotzdem.

Gottfried Benn // Das Jahrhundertwerk
Erstausgabe 2006, 1956
Klett-Cotta
Gedichtband: 524 Seiten

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