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H. und G. Taylor // Hudson Taylor

Hudson Taylor gründete die China Inland Mission, heute als OMF in mehreren asiatischen Ländern unterwegs. Man kann davon ausgehen, dass Taylors Leben, genau wie das Leben anderer erfolgreicher Firmen- oder Organisationsgründer erzählenswert und die Lektüre bereichernd ist.

  • Darum lesen: eindrucksvolles Leben eines eindrucksvollen Mannes
  • Darum nicht lesen: naiv erzählt, teilweise sehr ausschweifend

In der Tat führte Hudson Taylor ein beeindruckendes und in vielerlei Hinsicht vorbildliches Leben. Erstaunlich, mit welcher Entschlossenheit er als junger Mann alleine nach China aufbrach, dort an Glauben und göttlicher Bestimmung festhielt, trotz aller Widrigkeiten und Rückschläge. Er war ein Mann, der an seinen Prinzipien festhielt, der bereit zu großen Opfern war, der demütig auf seine eigene Leistung blickte (oder gerade nicht darauf blickte) und sich vom Erfolg nicht blenden ließ. Ein Mann, der auch in großer Not an andere Menschen dachte und sich selbst zurücknahm. Der sich stets von seiner Leidenschaft für Gott und seiner Liebe zu seinen Mitmenschen leiten ließ. Ein Mann, der Gott vertraute.

„Ich habe herausgefunden, dass in jeder großen Arbeit Gottes drei verschiedene Stadien erkennbar sind: Erst ist es unmöglich, dann ist es schwierig, dann ist es getan.“

Vorbild, oder nicht?

Er war insofern einer der großen Glaubenshelden und ein Mann, der grundsätzlich als Vorbild taugt.

Allerdings ist auch eine andere Lesart möglich: Hudson Taylot, der Stümper, der nur aufgrund seines einnehmenden Wesens, seiner Leidenschaft und seiner extremen Opferbereitschaft erfolgreich war. Er hat halt einfach durchgehalten, hat halt einfach weitergemacht, obwohl er keineswegs klug oder geschäftstüchtig gehandelt hat und obwoh alle Vernunft dagegen sprach. Vielleicht ist diese Lesart sogar die, die Hudson Taylor selbst bevorzugt hätte. Nicht er hat dieses Werk aufgebaut, aufgrund seiner Fähigkeiten, sondern Gott tat es und Hudson Taylor war das Bodenpersonal, trotz seiner Unzulänglichkeiten.

„Wie viele schätzen die Schwierigkeiten nach den verfügbaren Kräften ein und unternehmen daher nur geringe Dinge – und haben dabei keinen Erfolg! Alle Helden Gottes sind schwache Menschen gewesen, die große Dinge für Gott taten, weil sie damit rechneten, dass Er mit ihnen sein würde.“

Einiges halte ich aber tatsächlich nicht für vorbildlich. So würde ich in Frage stellen wollen, ob Gott in wirklich nur zu den Chinesen geschickt hat und ob er nicht auch die Verantwortung für seine eigene Familie trug? Seine Familie, auf die sich seine Opferbereitschaft ausweitete? Immerhin verlor er eine Ehefrau und drei Kinder, auch viele seiner Mitarbeiter fielen Krankheiten oder der Verfolgung zum Opfer. Seine Kinder schickte er im Kleinkindalter nach England, während die Mutter und er selbst in China blieben. Sein ganzes Leben über spielte die Familie nur eine untergeordnete Rolle.

Allerdings ist dieser Vorwurf möglicherweise nicht ganz fair. Immerhin wurde die vorliegende Biografie von seinem Sohn Howard und dessen Ehefrau Geraldine verfasst. Ein Junge, der scheinbar kaum etwas von seinem Vater hatte und dennoch eine innige Beziehung zu ihm pflegte, der kein kritisches Wort auf die Seiten dieses Buches schrieb. Ein Junge, der dem Vater nacheiferte und selbst in die Mission ging.

Die Autoren

Howard und Geraldine Taylor konnten eigene Erinnerungen aufschreiben, etwa von der USA-Reise, bei der Howard seinen Vater begleitete oder die letzte China-Reise des groen Missionars, bei der beide mit dabei waren und Hudson Taylor bis in seinen Tod begleitete. Sie werteten außerdem hunderte Briefe aus und zitierten diese auch großzügig. Warum allerdings werden manche Briefe eingerückt, also als Briefausschnitte klar gekennzeichnet, ander aber nicht? Das bleibt unklar und nur einer von vielen Fehlern und Schwächen des Buches.Ein anderer wäre die Länge. 330 Seiten sind verkraftbar, selbst wenn der Text tweilweise arg eng gesetzt ist. Aber Howard und Geraldine halten sich nicht nur mit dem Leben Hudson Taylors auf, sondern nehmen diverse Stränge anderer wichtiger Personen im Leben des Missionars auf, ganz in der Tradition der großen Gesellschaftsromane ihrer Zeit. Das macht den Lebensbericht stellenweise sehr langatmig.

Was mich wirklich stört, sind die vielen falschen Bilder, Phrasen und Wörter, außerdem die militärischen Vokabeln. Da ist beispielsweise von Feldzügen die Rede, davon, dass Missionare eine Region angreifen und besetzen. Oft sind die Berichte auch sehr naiv, jede noch so kleine glückliche Fügung wird eindeutig dem Wirken Gottes zugeschreiben, jedes Leid ist eine Prüfung oder in Wirklichkeit ein Segen, irgendwie. Diese Theologie überzeugt mich absolut nicht.

Howard und Geraldine Taylor arbeiteten ebenfalls als Missionare, doch insbesondere Geraldine betätigte sich auch als Autorin. So ist auch diese Biographie wahrscheinlich in erster Linie ihr zuzuschreiben. Sie starb im Jahr 1949, drei Jahre nach ihrem Mann. Das Buch wurde 1965 zum ersten Mal veröffentlich, mir liegt die fünfte Auflage von 1984 vor. Da Buch wurde 2015 zum hundertfünzigsten Geburtstag von OMF, beziehungsweiswe der China Inland Mission neu aufgelegt; es ist die zehnte Auflage. Kein schlechtes Buch, aber ich finde, Hudson Taylor hätte eine bessere Biografie verdient.

H. u. G. Taylor // Hudson Taylor – Ein Mann, der Gott vertraute
5. Auflage 1984 // 1965
Brunnen Verlag // OMF
334 Seiten

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