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Henry David Thoreau // Walden

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Raus aus der Gesellschaft, rein in die Natur. Kein Problem für den nicht mal 30-jährigen Henry David Thoreau. Mehr als zwei Jahre lebte er in einer selbstgebauten Hütte am Waldensee als Aussteiger, Selbstversorger, Philosoph und vor allem Beobachter. Eine Inspirationsquelle für alle, die genug von der Gesellschaft haben und auch irgendwie einfacher leben wollen.

  • darum lesen: Klassiker der Aussteigerliteratur mit einigen konkreten Tipps, sehr interessante philosophische Ansätze.
  • darum nicht lesen: für heutige Aussteiger dennoch zu weltfremd, oft zu diskriptiv und damit langatmig.

Von Wegen, unsere Welt ist so schnelllebig, konsumorientiert und anonym. Ich meine, kann ja sein. Aber die gleichen Ansichten hatte Thoreau schon vor fast 200 Jahren. Beispielsweise monierte er, dass Menschen in erster Linie deswegen arbeiten, weil sie sich Luxus leisten wollen, den sich ihre Nachbarn auch leisten können. Er zog seine Konsequenzen, wagte ein Experiment und zog sich an den Ufer des Waldensees zurück. Das Buch Walden ist der Bericht über seine zwei Jahre Leben mit der Natur.

Wir leben zu schnell.

Henry David Thoreau // Walden

Kein Aussteigerratgeber

Obwohl Walden anschließend zu einem Klassiker für Aussteiger wurde, ist es keine Anleitung für ein Leben in der Natur. Es ist ein Bericht, ein Text, in dem Thoreau seine Beaboachtungen zusammenfasst. Zwar schildert er genau, wie er seine Hütte baute, welche Pflanzen er kultivierte und wie er lebte. Er stellt seine Ausgaben und Einnamen genau auf, doch das hilft nicht einmal jemandem weiter, der ebenfalls am Ufer des Waldensees aussteigen will. Die Welt hat sich weitergedreht. Die Prinzipien gelten heute jedoch immernoch.

Die meisten Menschen scheinen nie darüber nachgedacht zu haben , was ein Haus eigentlich ist. Sie sind tatsächlich […] ihr ganzes Leben arm, weil sie glauben, sie müßten ein gleiches (Haus) haben wir ihre Nachbarn.

Und diese Prinzipien sind es auch, die das Buch so stark machen. Eben weil wir heute mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Informationsflut, Kapitalismus und Materialismus, Schnelllebigkeit, Leistungs- und Konkurrenzdenken. Walden kann da einige wohltuende Antworten geben und einen Menschen wieder einnorden. Mit all den Rants gegen Gewinnstreben, Anerkennungssucht, Luxus und Verschwendung. Es ist eine Werbeschrift für Minimalismus und irgendwie auch ein Klimaschutzbuch.

Wenig Struktur & Stilmix

Walden ist auch deswegen keine Anleitung zum Aussteigen, weil das Buch eher Essaycharakter hat. Thoreau schrieb munter drauf los, was er zweifelsohne kann, in einem Stil, der auch heute noch gut lesbar ist. Doch die Struktur fehlt etwas. Zwar gibt es klar benannte Kapitel (Einsamkeit, das Bohnenfeld, der Kamin), doch Themen wie die Ernährung und damit verbundene Aufgaben finden sich im gesamten Buch wieder. Es scheint fast, als hätte er sich vorgenommen, über ein bestimmtes Thema zu schreiben und dann ließ er einfach seine Gedanken durch die Wildnis streifen. Als ob er nicht nur ein Leben frei von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zwängen anstreben wollte, sondern diese Freiheit auch seinen Gedanken gönnen würde.

Aus diesem Grund wechselt der Stil auch zwischen poetisch und konkret:

Ich bewege mich mit erstaunlicher Zwanglosigkeit in der Natur, ein Teil ihrer selbst. Wenn ich bei kühlem, bewölktem, windigem Wetter in Hemdsärmweln das steinige Seeufer entlaggehe und nichts meine besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, fühle ich eine ungewöhnliche Übereinstimmung mit den Elementen, die mich umgeben. […] Ich bin so im Einklang mit dem zitternden Espen- und Pappellaub, daß es mir fast den Atem benimmt. Und doch ist mein Gemüt nicht beunruhigt, nur oberflächlich gekräuselt wie der See.

Alle finanziellen Aufwendungen laufen also insgesamt auf folgendes hinaus […]:

  • Haus $ 28,12½
  • Anbau in einem Jahr 14,72½
  • Lebensmittel für acht Monate 8,74
  • Kleidung etc. für acht Monate 8,40¾
  • Öl etc. für acht Monate 2,00
  • Alles in allem $ 61,99¾

Dabei ist auffällig, wie vielseitig interessiert Thoreau war. Er beobachtet nicht nur die Gesellschaft sehr genau, sondern alles um sich herum. Das Wachstum der Bohnen, die Eisenbahn, sich bekämpfende Ameisenvölker, den See. Er misst die Temperatur desselben im Winter, im Sommer vermisst er ihn, insbesondere seine Tiefe und fertigt eine Karte an.

Es macht großen Spaß, Thoreau bei seinen Gedanken und Experimenten zu begleiten. Seine Gedanken sind äußerst aktuell und lesen sich wie Beiträge zur Immobiliendiskussion (Wohnen wird auch deswegen immer teurer, weil Menschen sich nicht darauf besinnen, was sie wirklich brauchen, sondern den gleichen Luxus haben wollen wie ihre Nachbarn), der Klimadebatte (minimalistischer Lebensstil und Vegetarismus), Burnout (sich nicht totarbeiten, nur um Verdienst-des-Nachbarn+X zu verdienen), Armut (Armut als Ergebnis der gedankenlosen Teilhabe am Kapitalismus).

Ein See ist das Schönste, Ausdrucksvollste, was einer Landschaft zu eigen ist. Er ist der Erde Auge; wer hineinschaut, mißt die Tiefe seines eigenen Wesens.

Henry David Thoreau // Walden
13. Auflage der vollständigen deutschen Taschenbuchausgabe 2018, 1999 // 1854
dtv // Ticknor & Fields
360 Seiten

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