Walden, Wald, Thoreau, Buch im Wald
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Henry David Thoreau // Walden

Raus aus der Gesellschaft, rein in die Natur. Mehr als zwei Jahre lebte Henry David Thoreau in einer selbstgebauten Hütte am Waldensee als Aussteiger, Selbstversorger, Philosoph und vor allem Beobachter.

  • Darum lesen: Klassiker der Aussteigerliteratur mit einigen konkreten Tipps; sehr interessante philosophische Ansätze.
  • Darum nicht lesen: … für heutige Aussteiger dennoch zu weltfremd, oft zu diskriptiv und damit langatmig.

Von Wegen, unsere Welt ist so schnelllebig, konsumorientiert und anonym. Ich meine, kann ja sein. Aber die gleichen Ansichten hatte Thoreau schon vor fast 200 Jahren. Beispielsweise monierte er, dass Menschen in erster Linie deswegen arbeiten, weil sie sich Luxus leisten wollen, den sich ihre Nachbarn auch leisten können. Er zog seine Konsequenzen, wagte ein Experiment und zog sich an den Ufer des Waldensees zurück. Das Buch Walden ist der Bericht über seine zwei Jahre Leben mit der Natur – und in seiner Radikalität ziemlich aktuell.

Wir leben zu schnell.

Henry David Thoreau // Walden

Walden: Kein Aussteigerratgeber

Obwohl Walden anschließend zu einem Klassiker für Aussteiger wurde, ist es keine Anleitung für ein Leben in der Natur. Es ist ein Bericht, ein Text, in dem Thoreau seine Beaboachtungen zusammenfasst. Zwar schildert er genau, wie er seine Hütte baute, welche Pflanzen er kultivierte und wie er lebte. Er stellt seine Ausgaben und Einnamen genau auf, doch das hilft nicht einmal jemandem weiter, der ebenfalls am Ufer des Waldensees aussteigen will. Die Welt hat sich weitergedreht. Die Prinzipien gelten heute jedoch immernoch.

Die meisten Menschen scheinen nie darüber nachgedacht zu haben , was ein Haus eigentlich ist. Sie sind tatsächlich […] ihr ganzes Leben arm, weil sie glauben, sie müßten ein gleiches (Haus) haben wir ihre Nachbarn.

Und diese Prinzipien sind es auch, die das Buch so stark machen. Eben weil wir heute mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Informationsflut, Kapitalismus und Materialismus, Schnelllebigkeit, Leistungs- und Konkurrenzdenken. Walden kann da einige wohltuende Antworten geben und einen Menschen wieder einnorden. Mit all den Rants gegen Gewinnstreben, Anerkennungssucht, Luxus und Verschwendung. Es ist eine Werbeschrift für Minimalismus und irgendwie auch ein Klimaschutzbuch.

Kritik: Wenig Struktur & Stilmix

Walden ist auch deswegen keine Anleitung zum Aussteigen, weil das Buch eher Essaycharakter hat. Thoreau schrieb munter drauf los, was er zweifelsohne kann, in einem Stil, der auch heute noch gut lesbar ist. Doch die Struktur fehlt etwas. Zwar gibt es klar benannte Kapitel (Einsamkeit, das Bohnenfeld, der Kamin), doch Themen wie die Ernährung und damit verbundene Aufgaben finden sich im gesamten Buch wieder. Es scheint fast, als hätte er sich vorgenommen, über ein bestimmtes Thema zu schreiben und dann ließ er einfach seine Gedanken durch die Wildnis streifen. Als ob er nicht nur ein Leben frei von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zwängen anstreben wollte, sondern diese Freiheit auch seinen Gedanken gönnen würde.

Aus diesem Grund wechselt der Stil auch zwischen poetisch und konkret:

Ich bewege mich mit erstaunlicher Zwanglosigkeit in der Natur, ein Teil ihrer selbst. Wenn ich bei kühlem, bewölktem, windigem Wetter in Hemdsärmweln das steinige Seeufer entlaggehe und nichts meine besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, fühle ich eine ungewöhnliche Übereinstimmung mit den Elementen, die mich umgeben. […] Ich bin so im Einklang mit dem zitternden Espen- und Pappellaub, daß es mir fast den Atem benimmt. Und doch ist mein Gemüt nicht beunruhigt, nur oberflächlich gekräuselt wie der See.

Alle finanziellen Aufwendungen laufen also insgesamt auf folgendes hinaus […]:

  • Haus $ 28,12½
  • Anbau in einem Jahr 14,72½
  • Lebensmittel für acht Monate 8,74
  • Kleidung etc. für acht Monate 8,40¾
  • Öl etc. für acht Monate 2,00
  • Alles in allem $ 61,99¾

Dabei ist auffällig, wie vielseitig interessiert Thoreau war. Er beobachtet nicht nur die Gesellschaft sehr genau, sondern alles um sich herum. Das Wachstum der Bohnen, die Eisenbahn, sich bekämpfende Ameisenvölker, den See. Er misst die Temperatur desselben im Winter, im Sommer vermisst er ihn, insbesondere seine Tiefe und fertigt eine Karte an.

Es macht großen Spaß, Thoreau bei seinen Gedanken und Experimenten zu begleiten. Seine Gedanken sind äußerst aktuell und lesen sich wie Beiträge zur Immobiliendiskussion (Wohnen wird auch deswegen immer teurer, weil Menschen sich nicht darauf besinnen, was sie wirklich brauchen, sondern den gleichen Luxus haben wollen wie ihre Nachbarn), der Klimadebatte (minimalistischer Lebensstil und Vegetarismus), Burnout (sich nicht totarbeiten, nur um Verdienst-des-Nachbarn+X zu verdienen), Armut (Armut als Ergebnis der gedankenlosen Teilhabe am Kapitalismus).

Ein See ist das Schönste, Ausdrucksvollste, was einer Landschaft zu eigen ist. Er ist der Erde Auge; wer hineinschaut, mißt die Tiefe seines eigenen Wesens.

Themen & Gedanken

Neben der Einsamkeit, Einfachheit und der Rückkehr zur Natur, spricht Thoreau noch viele weitere Themen an:

  • Unabhängigkeit: Zwar unterhält sich Thoreau in Walden mit seinen Nachbarn, den Städtern und zufällig vorbeikommenden Menschen, doch betont er immer wieder, diese nicht zu brauchen. Er nimmt zwar in gewissem Umfang am wirtschaftlichen Warenkreislauf teil, doch wäre es auch anders gegangen. Und diese Freiheit zählt in Walden zu den wichtigsten Werten überhaupt.
  • Einfachheit: Weniger ist mehr. Thoreau gibt sich Mühe, Dinge nicht zu brauchen. Wenig Kleidung, wenige Unterhaltung, keinen Wohlstand, keinen Luxus.
  • Fortschrittskritik: Egal, wie sich die Gesellschaft insbesondere technisch fortentwickelt, die Probleme der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft werden letztendlich doch dier gleichen bleiben.
  • Kritik am Staat

Der Einfluss des Buches

Walden gehört zu den einflussreichsten Büchern der US-amerikanischen Literaturgeschichte:

  • Mahatma Gandhi wurde nach eigenen Angaben von Thoreau und Walden beeinflusst.
  • Autoren wie Burrhus Frederic Skinner, Rubén Ardila oder Rolf Todesco haben quasi Fortsetzungen zu Walden geschrieben.
  • Im Film Der Club der toten Dichter rezitieren die Clubmitglieder folgendes Zitat: „Wozu diese verzweifelte Jagd nach Erfolg, noch dazu in so waghalsigen Unternehmungen? Wenn ein Mann nicht (Gleich-) Schritt mit seinen Kameraden hält, dann vielleicht deshalb, weil er einen anderen Trommler hört. Lasst ihn zu der Musik marschieren, die er hört, in welchem Takt und wie fern sie auch sei. Es ist nicht wichtig, dass ein Mensch so schnell reift wie ein Apfelbaum oder eine Eiche. Soll er denn seinen Frühling zum Sommer machen?“
  • Aus ebendiesem Zitat entwickelte sich eine weit verbreitete Lebensphilosophie: march to [the beat of] a different drummer/drum. Jeder soll, wie er mag. Quasi Fundament des modernen Individualismus.
  • Walden spielt auf die eine oder andere Weise eine Rolle in diversen Werken, etwa in Jocelyne Sauciers Ein Leben mehr, im Film Ein Zwilling kommt selten allein, oder in Martin Smolkas Komposition Walden, the Distiller of Celestial Dews.

Und der Einfluss ist noch lange nicht vorbei. Natürlich beschäftigen sich in den USA verschiedene Organisationen mit dem kulturellen und historischen Erbe Thoreaus und Waldens. Im Zuge der Corona-Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen, entstand in Deutschland ein Schwarmhörspiel. Menschen begaben sich quasi gemeinsam in Zwangsisolation und produzierten aus dieser Isloation heraus ein ziemlich umfangreiches kooperatives Hörspielprojekt: zusammen-walden.de.

Henry David Thoreau // Walden
13. Auflage der vollständigen deutschen Taschenbuchausgabe 2018, 1999 // 1854
dtv // Ticknor & Fields
360 Seiten

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