Ich spreche von Blau nicht vom Meer
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Hussein Bin Hamza // Ich spreche von Blau, nicht vom Meer

Ich lebte so fremd wie ein übersetztes Gedicht“, schreibt Bin Hamza, der syrische Dichter im deutschen Exil ganz vorne in seinen Gedichtband. Was für ein Satz. Und fast genauso kurz und treffend ist auch der Rest seines Buches Ich spreche von Blau, nicht vom Meer.

  • Darum lesen: großertige, verknappte Einblicke in das Seelenleben eines Menschen, der seiner Heimat beraubt wurde.
  • Darum nicht lesen: bestenfalls, wenn jemand absolut keinen Zugang zu moderner Lyrik findet.

So kurz, so gut. Das könnte ich nicht nur über diese ersten Satz schreiben, sondern auch über viele von Bin Hamzas Gedichten oder eben über das gesamte Buch. So fremd wie ein übersetztes Gedicht. Ich liebe diesen Satz. Ich empfinde es schon immer als seltsam, Gedichte zu übersetzen. Kann man machen, klar, aber dadurch, dass da so viele Aspekte zu beachten sind, muss doch zwangsläufig ein anderes Gedicht bei herauskommen, als in der Ursprungssprache. Der Verssatz, die Reime, die Detailbedeutungen von Wörtern und die Kombination derselben.

Und so ähnlich geht es eben Hussein Bin Hamza, dem Syrer, der zunächst in den Libanon auswanderte und dann in den Wirren des syrischen Krieges und der Fluchtwelle nach Deutschland kam. Hier ist er so fremd wie ein übersetztes Gedicht. Er ist ein anderer, als er einmal war.

Fremdheit & Einsamkeit

Es sind nicht viele Gedichte, die ihren Weg in diesen Band fanden, sie sind kurz, oft nur ein paar Zeilen lang. Aber diese Gedichte tragen so viele andere Gedichte mit sich, Gedichte, die verlorengingen.

Viele Gedichte habe ich geschrieben
Auf die Rückseite von Strom- und Telefonrechnungen
auf Bank- und Schuldgeldquittungen
auf Papierschnipsel, die mir in den Hosentaschen zerkrümelten
auf Tischkanten und auf Stühle
auf die freien Ränder von Zeitungen und Büchern
auf Theater- und Kinokarten
Viele Gedichte habe ich geschrieben
und sie hätten mich zu einem großen Dichter gemacht
wären sie nicht alle verlorengegangen
Alle außer diesem hier.

Die beherrschenden Themen sind insbesondere die Einsamkeit. Die Einsamkeit in der Fremde, unter Fremden.

Manchmal treffe ich
auf dem Weg nach Hause
meinen deutschen Nachbarn
der gerade seinen riesigen Hund ausführt
Ich dagegen ziehe wie üblich
nur die Hunde meiner Einsamkeit
hinter mir her.

Dann richtet Bin Hamza den Blick aber auch von sich auf das Fremde um ihn herum, seinen Deutschen Nachbarn beispielsweise, der seltsamerweise irgendwie einsam zu sein scheint – aber anders einsam als Bin Hamza selbst. Oder eben, wie sich die Fremdheit nicht nur ein seinem Leben bemerkbar macht, sondern auch im Leben der anderen.

Azf Kurdisch und Arabisch
auf Somalisch und Afghanisch
fliegen rätselhafte Wörter schwer
wie Granaten über die Köpfe der Leute
in Bussen und Bahnen
Die Deutschen senken die Köpfe
tauschen missbilligende Blicke
lesen weiter in ihren Romanen
sehen hinweg über das Blut
das aus Wunden fließt
die die fremden Wörter ihrer Sprache zufügen

Ausstattung & Gestaltung

Das Büchlein ist schmal, keine 100 Seiten dick und ziemlich hochkantig. Die Gedichte sind großzügig gesetzt, immer zweisprachig auf Deutsch und Arabisch. Ich kann kein Arabisch. Aber ich liebe das Schriftbild. Meiner Meinung nach gibt es kein schöneres. Diese fließenden Bewegungen, der Kontrast durch die vielen Pünktchen bzw. Akzentuierungen.

Am Ende des Buches folgt noch ein Nachwort von Bin Hamza, eines von Michael Krüger und dann noch eine bibliographische Notiz zum Autor. So lerne ich beispielsweise folgendes:

Über Bin Hamza

Hussein Bin Hamza stammt aus Al-Hasaka, einer Stadt im Nordosten Syriens, etwa eine Stunde von der Türkischen Grenze entfernt. Er war Redakteur, Feuilletonist, leitete eine Verlag und schrieb Gedichte. Doch all das spielt keine Rolle mehr.

In Deutschland, wo ich seit 2017 lebe, fühle ich mich nicht wie einer, der nach langer Zeit wieder anfängt zu dichten, sondern wie einer, der zum ersten Mal schreibt. Hier in Deutschland wurde ich zu einem neuen Dichter.

Doch eines scheint gleich geblieben zu sein: Die Ehrfurcht vor Wörtern, die Sparsamkeit im Umgang mit diesen wertvollen Gütern und die daraus resultierenden knappen Gedichte.

Die Axt im gefrorenen Meer

Ich spreche von Blau, nicht vom Meer, bewegt etwas in mir. Es ist eines der Bücher, die wie eine Axt mein persönliches gefrorenes Meer aufschlagen. Seine knappen Worte treffen, lassen mich schweigen und nachdenken. Zeigen mir eine neue Perspektive auf die Situation von Menschen aus fremden Ländern, die in Deutschland leben.

Je mehr die eigene Kultur an ihrer Beliebigkeit zu ersticken droht, desto mehr brauchen wir den Blick über den Tellerrand auf andere Kulturen.

Michael Krüger, im Nachwort zu Ich spreche von Blau, nicht vom Meer.

Hussein Bin Hamza // Ich spreche von Blau, nicht vom Meer
Originalausgabe: arabisch – deutsch, 2020
Edition Converso
94 Seiten

#ReadAroundTheWorld

Mein Ziel: Aus jedem Land der Welt ein Buch lesen: Read Around The World

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