Sachbuch
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Johann Hari // Der Welt nicht mehr verbunden

Der Welt nicht mehr verbunden: Ein depressiver Journalist recherchiert jahrelang zu den Hintergründen seiner Krankheit – und nach Heilungsmethoden. Ein spannendes, aufrüttelndes und wichtiges Buch – auch für Menschen, die von Depression nicht betroffen sind.

  • Darum lesen: Wichtige Botschaften, auch für Menschen, die nicht an Depression leiden.
  • Darum nicht lesen: Sehr lang. Zu lang. Und: an manchen Stellen leider etwas manipulativ.

Johannn Hari leidet seit vielen Jahren an Depression und schluckt Medikamente – die ihm aber nicht wirklich helfen. Sie lindern die Symptome für eine Weile, dann muss er die Dosis erhöhen oder das Medikament wechseln, geheilt wird er aber nicht. Weil er sich mit diesem Zustand nicht abfinden wollte, machte er sich auf die Suche. Er wollte die Krankheit Depression besser verstehen und herausfinden, was man dagegen tun kann – natürlich abgesehen davon, immer mehr und immer neue Medikamente zu schlucken.

Psychische und soziale Auslöser von Depressionen

Das Ergebnis: Es gibt biologische, psychische und soziale Auslöser von Depression. Und Medikamente helfen nur dann dauerhaft, wenn da etwas in der Hirnbiologie nicht stimmt. In den meisten Fällen werden nach Haris Recherchen aber die psychischen und sozialen Aspekte einer Depression außer Acht gelassen und ohne nähere Untersuchung Medikamente verschrieben.

„Die meisten, die sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen befasst haben, stimmen darin überein, dass sich die Ursachen für Depressionen und Ängste in drei Kategorien einordnen lassen: in biologische, psychische und soziale.“

Hilfreicher wären oftmals ganz andere, relativ banale Dinge, die nicht nur aus der Erforschung von Depression sondern auch aus der Glücksforschung bekannt sind:

  • soziale Kontakte, das Eingebundensein in ein stabiles soziales Netz
  • Geben, Investieren in andere Menschen oder in die Gemeinschaft
  • die richtigen Werte, bzw. keine Konsumorientierung
  • sinnvolle, selbstbestimmte und kontrollierte Arbeit
  • Meditation.

Ähnliche Ergebnisse der Glücksforschung

Diese Erkenntnisse kannte ich schon, und zwar aus dem Yale-Kurs The Science of Well-Being von Laurie Santos, der auf Coursera absolviert werden kann. Übrigens habe ich eine Weile über diese Erkenntnisse getwittert:

und noch dieser Thread:

Ähnliche Ergebnisse der Motivationsforschung

Diese Ergebnisse stimmen auch mit den Erkenntnissen der Self Determination Theory überein, die besagt, dass Menschen drei Dinge brauchen, um motiviert zu sein:

  • Relatedness bzw. Beziehung
  • Autonomy bzw. Selbstbestimmung
  • Competence bzw. Kompetenz

Wer depressiv ist, hat wenig Motivation für sein Leben. Überträgt man die SDT auf den Bereich des gesamten Lebens an sich, bräuchten depressive Menschen mehr und bedeutender Bindungen zu Menschen in ihrer Umgebung, sie bräuchten mehr Selbstbestimmung oder Freiheit in ihrem Leben und sie müssten den Eindruck haben, einen wertvollen Beitrag zu was auch immer zu leisten, der ihren Fähigkeiten entspricht.

Dass die Ergebnisse ähnlich sind, wenn sich Forscher aus unterschiedlichen Fachgebieten aus unterschiedlichen Richtungen einem Thema nähern, stützt diese Ergebnisse. Wer traurig ist, dem hilft es wohl, glücklicher zu werden. No-Brainer. Glücklicher werden kann man aber auch, ohne vorher unbedingt depressiv gewesen sein zu müssen. Sofern sich alle Problemlösungen übertragen lassen, müsste man Johann Haris Liste im Buch Der Welt nicht mehr verbunden noch ergänzen durch:

  • Bewegung, bzw. Sport
  • positive Gedanken, bspw. Dankbarkeit
  • die Erfahrung, kompetent zu sein, bzw. zumindest, gebraucht zu werden

Selbst schuld?

Diese Lösungsansätze können hilfreich sein. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Doch sie können auch enttäuschen. Vor allem dann, wenn man sich mit seiner Krankheit Depression abgefunden hat, gegen die man halt nichts machen kann – und jetzt erfährt: doch, man kann etwas tun. Hari versucht das abzufangen. Doch, Depressionen seien furchtbar und nein, so einfach ist es auch wieder nicht, etwas gegen sie zu tun. Nein, Menschen, die unter Depressionen leiden, sind keinesfalls selbst Schuld und sie müssen sich nicht einfach nur zusammenreißen.

„Ich fürchtete […], durch die Beweise, dass Depressionen nicht primär durch ein Problem im Gehirn oder Körper ausgelöst werden, […] Verhöhnungen wieder Tür und Tor zu öffnen. Sieh an! Sogar du gibst zu, dass es keine Krankheit wie Krebs ist. Also reiß dich zusammen!“

Das Problem an Haris rotem Faden: Am Ende gibts keinen richtigen Ausweg. Medikamente sind in den meisten Fällen Müll. Da ist er sich sicher. Aber all die anderen richtigen Lösungen lassen sich halt leider nicht so einfach umsetzen oder bedürften gesellschaftlicher Veränderungen. Ich meine, wer kann schon einfach so an einer gesellschaftlichen Umwälzung und sei es nur im Mikrobereich teilnehmen, wie im Falle der Berliner Widerständler. Wer, der unter Depressionen leidet, kann eine solche Umwälzung in Gang bringen? Ich glaube, es hätte eine hoffnungsvollere Botschaft gegeben, wenn Hari nicht so sensationalistisch mit der Verteufelung der Medikamente eingestiegen wäre.

An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass Hari die Erkenntnis, dass Medikamente oft nichts nutzen, maßlos übertreibt. Liest man die ersten Kapitel, könnte man meinen, sie seien komplett wirkungslos und reine Geldmacherei. Später aber schreibt Hari relativ unvermittelt, dass es durchaus biologische Auslöser für Depressionen gäbe, bei denen Medikamente helfen können.

TED-Talks und andere Vorträge

Hari ist sehr aktiv, nicht nur bei TED, auch andere Plattformen nutzt er, um seine Erkenntnisse weiterzugeben. Hier ein längerer Vortrag zum Thema des Buches:

Gut recherchiert, Schwächen bei der Präsentation

Das Problem ist auch, dass Hari zwar unmengen an Stoff gesammelt hat. Auf der ganzen Welt hat er mit Ärzten und Forschern gesprochen und Menschen besucht, insbesondere solche, die von Depression betroffen sind. Er hat so ziemlich jede Studie zum Thema und dutzende Bücher gelesen. Das ist beeindruckend. Wirklich tolle Arbeit. Er empfiehlt seinen Lesern, die Quellen zu prüfen, was vielleicht gut gemeint ist, aber irgendwie auch lächerlich ist, angesichts die riesigen Menge an Studien. Mir stößt außerdem negativ auf, dass er unnötigerweise immer wieder einfließen lässt, wie weit er doch gereist ist und was er mit seinen Gesprächpartnern gegessen hat. Bei der Präsentation seiner Ergebnisse vereinfacht er zu stark und wird dabei manipulativ, etwa wenn er Medikamente verteufelt.

Ein Beispiel für manipulative Tendenzen: Der Autor erwähnt beispielsweise die Hamilton-Skala, mit der man den Gemütszustand eines Menschen bewerten kann. Er reicht von 0 bis 51, der höchste Wert steht für schwerste Depression (dazu findet man allerdings auch andere Infos). Hari bemängelt, dass Medikamente im Schnitt nur eine Verbesserung von 1,5 Punkte bewirken, während beipielsweise guter Schlaf den Wert um sechs Punkte sinken lässt. Gut zu schlafen sei also ein viel besseres Mittel gegen Depressionen als Medikamente. Später aber begeistert er sich überschwänglich für den Einsatz von Psychedelika, eine Methode, die im Schnitt vier Punkte verbessert. Also auch deutlich weniger als guter Schlaf – bei krassen Nebenwirkungen:

„Etwa fünfundzwanzig Prozent der Teilnehmer der Studie an der Johns Hopkins University [rund um Psychedelika und Depression] berichteten von zumindest gelegentlichen Augenblicken furchtbarer Angst […], eine Handvoll erlebte einen sechs Stunden währenden Horrortrip.“

Bei diesem Zitat wird direkt die nächste Schwäche deutlich. Um seine Aussage einordnen zu können, müsste man schließlich wissen, welchen prozentualen Anteil diese Handvoll denn jetzt ausmacht.

Hari kritisiert die Medikamente außerdem, weil sie wenig bringen, Nebenwirkungen haben, teuer sind und man die Wirkung auch anders erzielen könnte. Absolut sinnvolle Gedanken. Warum aber spricht er sich dann so sehr für den Einsatz von Psychedelika aus? Die bringen bei manchen Patienten viel (wenn auch oftmals nicht auf Dauer), aber die Nebenwirkungen sind ebenfalls krass (stundenlange Horrortrips) und: Auch die Wirkung, die die Psychedelika erzielen, ließe sich anders erreichen, nämlich durch Meditation oder Gebet, bzw. wohl durch Psychotherapie und Seelsorge.

Der Welt nicht mehr verbunden: Ein sehr wichtiges Buch

Es hat mir großen Spaß gemacht, das Buch zu lesen. Hari hat tolle Menschen getroffen, wie die Protestierenden in Berlin oder die Amish in den USA. Er hat wichtige Leute befragt und unterhaltsam über seine Begegnungen geschrieben. Er bringt wissenschaftliche Inhalte unkompliziert rüber. Und er klärt über Depressionen auf. Ich habe viel gelernt. Es ist so wichtig, dass Betroffene und die gesamte Gesellschaft besser über diese Krankheit Bescheid wissen.

Niemand wird seine Depression los, nur weil er dieses Buch liest. Aber es kann dazu beitragen, einen besseren Umgang mit seiner Traurigkeit zu finden. Und vielleicht kann der eine oder andere Leser die eine oder andere Verbindung zur Welt und seinem Umfeld wieder herstellen.

Johann Hari // Der Welt nicht mehr verbunden
Deutsche Erstausgabe 2019, 2017 // Rezensionsexemplar
HarperCollins
400 Seiten

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