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Jordan Peterson // 12 Rules for Life

12 rules for life

Jordan Petersen ist Psychologe und lehrt an der University of Toronto. Er wurde bekannt, weil er sich einen öffentlichen Streit mit Transgender-Aktivisten lieferte. Genau dafür wurde er anschließend stark kritisiert. Gleichzeitig gilt er als einer der wichtigsten Intellektuellen. Doch egal, wie man zu ihm steht: 12 Rules ist lesenswert.

  • darum lesen: Ein Ausflug in die Geschichte der Psychologie und Philosophie. Eine Ansammlung interessanter Gedanken, Ansätze, fundamentale Fragen der Menschheit zu beantworten.
  • darum nicht lesen: Nicht immer einfach zu verstehen. Kein Selbsthilferatgeber, wie der Titel vermuten lässt, teilweise sehr weit ausholende Argumentation.

Wenn auf einzelne Menschen Ideen oder Gruppen medial verstärkt eingeprügelt wird oder auch nur vereinzelt besonders harsche Statements abgegeben werden, interessiert mich üblicherweise, was dahintersteckt. Als ich mir mit 17 nicht so ganz sicher war, wie ich beispielsweise zum Christentum stehe, las ich einen Zeitungsartikel, der eindringlich vor einer bestimmten Gemeinde in meiner Heimatstadt warnte. Also besuchte ich diese Gemeinde – und wurde dort später Mitglied.

Ähnlich ging es mir bei Peterson. Ich las einige Texte, die vor ihm warnten. Also beschäftigte ich mich mit ihm und stieß direkt auf die Debatte rund um ein Gesetz, dass den Gebrauch der korrekten Pronomen einer Person vorschreibt. Ich bin in dieser Sache nicht komplett auf Petersons Seite, kann seine Argumentation aber nachvollziehen. Die Art und Weise, wie er sprach und diskutierte, beeindruckte mich aber und so beschäftigte ich mich weiter mit ihm. Nun habe ich also sein Buch gelesen.

12 Rules for Life wirkt zunächst wie ein Selbsthilferatgeber. Isses in gewissem Sinne auch. Aber es ist doch noch viel mehr als das. Es ist eine intellektuelle Spielwiese für den Autor, der lang und breit über die Dinge referiert, die ihm wichtig geworden sind. Dass es nicht nur darum geht, das Leben der Leser zu verbessern, verrät schon die Liste dieser zwölf Dinge.

Die 12 Regeln

  • Stand up straight with your shoulders back
  • Treat yourself like someone you are responsible for helping
  • Make friends with people who want the best for you
  • Compare yourself to who you were yesterday, not to who someone else is today

Soweit alles ganz normal und vielleicht auch schon mehrfach gehört.

  • Do not let your children do anything that makes you dislike them (das soll ein allgemeingültige Regel sein?)
  • Set your house in perfect order before you criticize the world
  • Pursue what is meaningful (not what is expedient)
  • Tell the truth – or at least, don’t lie
  • Assume that the person you are listening to might know something you don’t
  • Be precise in your speech

Richtig wild wirds aber erst jetzt:

  • Do not bother children when they are skateboarding
  • Pet a cat when you encounter one on the street
12 Rules, Illustrtationen
Jedes Kapitel wird mit einer Illustration von Ethan Van Sciver eingeleitet.

Der Schreibstil

Nun, hinter all diesen Regeln verbirgt sich weit mehr als eben nur ein simpler Ratschlag, wie etwa die Wahrheit zu sagen. Peterson holt sehr weit aus, beschreibt zum Beispiel erst seitenlang das Balz- und Konkurrenzverhalten von Hummern, bevor er zum Punkt kommt. Und das geschieht dann oft innerhalb weniger Absätze. Er erzählt viel aus seinem Leben, etwa von der medizinischen Leidensgeschichte seiner Tochter. Er zitiert jede Menge psychologische Studien, hantiert mit Freud, Nietzsche und Jung. Auch Philosophen kommen zu Wort, insbesondere Sokrates. Die Bibel spielt eine sehr wichtige Rolle, ebenso wie buddhistische und taoistische Weisheiten.

Das Drumherum nimmt so viel Platz ein, dass es deutlich wichtiger zu sein scheint, als dei einzelne oftmals simple Regel. 12 Rules ist insofern eher eine Sammlung gut belegter philosophischer Statements.

Nicht immer ist es einfach, in diesem intellektuellen Feuerwerk den Überblick zu behalten. Obwohl das Buch laut Untertitel ein Gegenmittel gegen Chaos ist, geht es bisweilen recht chaotisch zu. Petersen verliert sich in seiner Formulierungsfreude und seinem beeindruckendem Allgemeinwissen. Aber es macht auch Spaß, seinen Gedanken zu folgen – und sich selbst welche zu machen.

Die Kernaussagen

Und Gedanken machen sollte man sich. Schadet nie. Aber Peterson weicht hier und da halt erheblich von populären, zeitgemäßen Meinungen moralischer Meinungsführer ab. Das Patriarchat ist und war eigentlich gar nicht so schlimm, sagt er. Eine der wichtigsten Aufgaben einer Frau sei die der Mutter, Gewalt könne ein akzeptables Erziehungswerkzeug sein … schmeckt nicht jedem Leser. Ist aber gut begründet.

Besonders wichtig ist ihm die Wahrheit. Allerdings nicht als ein Absolut, das er selbst setzt, sondern Wahrheit oder vielleicht eher Wahrhaftigkeit als Tugend. Sie ist sogar eine Art Lebensthema für ihn. Immerhin ist einer seiner beruflichen Schwerpunkte die Erforschung von Ideologie – die gerne mal auf Wahrheit verzichtet, bzw. sich als solche ausgibt, um sich durchsetzen zu können. Am Herzen liegen ihm besonders Männer, junge Männer, die er zunehmend benachteiligt sieht, insbesondere in der schulischen und universitären Bildung.

Wichtig ist ihm vor allem, in seinem eigenen Leben so hoch wie möglich zu zielen und dann jeden Tag kleine Schritte zu machen, um diesem Ziel möglichst nah zu kommen. Ein Aspekt dabei sind Beziehungen. Die Beziehung zu sich selbst, aber natürlich auch den engsten Menschen um einen herum. Und die sollten ebenfalls von Wahrhaftigkeit, Liebe und Zurückhaltung geprägt sein.

Das christliche Weltbild spielt bei alledem eine zentrale Rolle. Aber nicht etwa, weil er selbst an einen Schöpfergott glauben würde, oder dass dieser zwangsläufig in der Bibel am zutreffendsten beschrieben ist. Nein, auf die Bibel bezieht er sich, weil sie seiner Meinung nach das prägendste Werk unserer westlichen Kultur ist und Dinge – philosophische Wahrheiten – besonders treffend wiedergibt. Für andere Kulturkreise gilt dies aber nicht, sie haben eigene Werke, die ebenfalls zutreffende Wahrheiten beinhalten.

Fazit

Wer 12 Rules liest, kann viel lernen. Es kann dabei helfen, sich seiner Gedanken klarer zu werden, selbst wenn man nicht mit Petersen übereinstimmt. Es kann dabei helfen, den Leser auf seinem eigenen Weg etwas voranzutreiben. Denn es ist ein sehr ehrliches Buch eines Mannes, der professionell Menschen hilft und der viel nachdenkt. Wer dieses Buch einigermaßen wohlwollend liest, versteht auch, warum Petersen beispielsweise in der eingangs erwähnten Debatte im Grunde so handeln musste, wie er eben gehandelt hat.

Jordan Petersen // 12 Rules for Life
UK Paperback Ausgabe 2019 // 2018
Penguin
370 Seiten

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