Nachkrieg, Liedtke
Biographie,  lesen,  Sachbuch

Klaus-Jürgen Liedtke // Nachkrieg

Nachkrieg und die Trümmer von Ostpreußen ist ein sehr anspruchsvolles und anstrengendes Buch. Thema: Die Vertreibung der Menschen aus und die anschließende Zerstörung von Ostpreußen.

  • Darum lesen: Dokument aus einer nicht übermäßig mit Aufmerksamkeit bedachten Episode der deutschen Geschichte.
  • Darum nicht lesen: Sehr anstrengend zu lesen, zieht sich streckenweise stark hin.

Nachkrieg und die Trümmer von Ostpreußen ist ein hervorragendes Buch. Das gleich zu Beginn. Aber dennoch gibts einiges eher Negatives zu sagen. Thema das Buches ist Ostpreußen. In erster Linie geht es um die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, zum Teil deckt das Buch aber die Zeit vor und während des Krieges ab. Wen das Thema interessiert: gerne zuschlagen. Doch eine Warnung: Dieses Buch zu lesen ist sehr anstrengend.

Anstrengend? Darum!

eine fragmentarische Doku

„Ein Roman aus Dokumenten“ steht vorne auf dem Buch. Das mit den Dokumenten trifft zu, das mit dem Roman nicht. Da wird keine zusammenhängende oder fortlaufende Geschichte geschrieben. Vielmehr handelt es sich um eine nicht chronologische Dokumentation aus fragmentarisch zusammengesetzten Dokumenten unterschiedlichster Art.

belastende Stimmung

Zusammen erzeugen die Fragmente eine gewisse Stimmung. Und diese Stimmung hat in erster Linie mit Vertreibung, Zerstörung, Tod, Heimatlosigkeit und Entwurzelung zu tun.

Es geht im weitesten Sinne um die Familie das Autors, die aus Ostpreußen stammt. Aber die Dokumente seiner Familie das reichert er an durch alles, was er in die Finger bekommt. Bis hin zu einer Übersetzung eines sehr persönlichen, schwedischen Trauergesangs, der vordergründig rein gar nichts mit dem Rest des Buches zu tun hat.

Gefährlich ist der Gletscher des Oulavuolie,
gefährlich, gefährlich, gefährlich.
So, so, so, vaja, vaja, vaja.

Doch jetzt bin ich alt geworden
alt geworden, alt geworden
und meine hochgewachsenen Rene
haben sich verwandelt, verwandelt.
Sie sind nicht, sind nicht, sind nicht mehr.
Manch hochgewachsenes, manch hochgewachsenes Ren.

unbearbeitete Texte

Diese Dokumente sind so weit es Herrn Liedtke eben möglich war unbearbeitet. Insbesondere bei Berichten und Lebensläufen ist das machmal sehr schwer zu lesen, weil einfach nicht gut geschrieben. Kein Vorwürf. Diejenigen, die das aufschrieben, hatten das nie zur Veröffentlichung gedacht.

Und einmal bin ich in der Mittagsstunde hin, immer wenn irgendwas brenzlig war oder anders wie normal, dann sollte ich ran. Jedenfalls bin ich dahin gekommen, Nachmittag, ich hatte auch noch ein bißchen Kaffee mitgenommen und ein Stück Torte gekauft, aber es war noch Mittagszeit im Kranknhaus. Und wie ich in den Flur komm, da kam der Arzt raus, der hat mich schon kommen sehen: wo ich hinwill?

harter Stoff

Das Geschilderte ist zum Teil schon harter Tobak. Weil Krieg, Flucht, Vertreibung ist selten was Schönes. Hier kommt noch dazu, dass das Thema nicht sonderlich weit verbreitet ist. Die Konfrontation ist insofern überraschend, überraschend heftig und allein wegen dieses Überraschungsmoments nochmal krasser.

Für mich persönlich gibts dann noch einen letzten Punkt, denn ich habe eine gewisse persönliche Verbindung. Meine Großmutter mütterlicherseits stammt aus Ostpreußen, zwei weitere Großeltern aus Südpreußen, von wo sicherlich ähnliche Geschichten zu erzählen währen.

Großartige Aufmachung

Das Buch ist wirklich sehr hübsch gestaltet. Kennt man ja von der anderen Bibliothek. Die Buchdeckel sind mit geprägtem und seidig glänzendem Stoff bespannt, das Buch steckt in einem Pappschuber. Es gibt ein Lesebändchen, schön glattes Papier, einen zurückhaltenden und hübschen, aber nicht verschwenderischen Buchsatz. Hier und da eine seltene Abbildung und die vier Teile des Buches bekommen jeweils eine Doppelseite für den Titel spendiert. Das Vorwort des Lektors Christian Döring ist auf ein loses, eingelegtes Blättchen gedruckt. Hinten im Buch steht die Nummer des Buches: 2.357

Klaus-Jürgen Liedtke // Nachkrieg
Buch Nummer 2.357 der ersten 4.444 Ausgaben, 2018
Die Andere Bibliothek
411 Seiten

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