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Klischees? Ja, Bitte! Welche Gründe es für Autoren gibt, Klischees zu verwenden

Ich weiß schon. Keiner mag Klischees. Das sind die Stellen eines Textes, an denen man sich denkt: war ja klar, schon tausendmal gehört, gesehen, gelesen. Dennoch spricht einiges dafür, keine Angst vor Klischees zu haben.

„[Klischees sind] vorgeprägte Wendungen, abgegriffene und durch allzu häufigen Gebrauch verschlissene Bilder, Ausdrucksweisen, Rede- und Denkschemata, die ohne individuelle Überzeugung einfach unbedacht übernommen werden.“

Sachwörterbuch der Literatur

Das, was in dieser Defintion beschrieben wird, will natürlich keiner. Niemals. So etwas sollte zumindest niemand wollen. Niemand, der ernsthaft etwas erschaffen will. Es sei denn …

Gute Gründe für Klischees

Für Klischees gibt es nämlich auch einige gute Gründe:

  • Autoren, die in erster Linie Geld verdienen wollen, sollten unbedingt Genreklischees verwenden. Ein paar zumindest. Nur nennt man sie nicht zwangsläufig Klischees, sondern eher Genrekonventionen. Letztendlich sind solche Konventionen aber nichts andres als Klischees. Natürlich geht’s auch ohne. Aber wozu? Wer Klischees verwendet, wird sicherlich kein Meisterwerk schaffen, wer keine Klischees verwendet, halt aber auch nicht – meistens.
  • Ein gewisser Qualitätsanspruch kann zu Klischees führen. Wer sich nämlich an bestimmte klassische Plotstrukturen hält und beispielsweise mit drei Akten arbeitet, verwendet letztendlich „ein durch allzu häufigen Gebrauch verschlissenes Denkschema, das ohne individuelle Überzeugung einfach unbedacht übernommen wurde.“
  • Klischees können hilfreich sein, um zu lernen. Wer anfängt, ein Musikinstrument zu lernen, spielt in den meisten Fällen zunächst bekannte Stücke nach. Erst später kommen Eigeninterpretationen oder -kompositionen dazu. Ob es besonders hilfreich ist, ganze Romane abzuschreiben, sei jetzt mal dahingestellt. Aber Plots, Geschichtem, Erzählweisen, Schreibstile, Effekte, Figuren usw. nachzuahmen, kann definitiv dazu beitragen, besser schreiben zu lernen.
  • Um den Kopf freizubekommen. Einfach mal raus mit all den Vorbildern, mit allem, was man gerne selbst mal geschrieben hätte, mit allen Figuren, die so gut sind, dass man sich einfach nicht von ihnen lossagen kann. Denn einfach mal bewusst das Klischee wählen, die Geschichte schreiben und den Kopf frei machen für eigene Kreationen.
  • Kein Grund dafür, eher ein Grund Klischees nicht zu vermeiden:

Das Problem mit Klischees

Ein Klischee entsteht in gewisser Weise nicht beim Schreiben. Sondern erst beim Lesen. Ob etwas als Klischee wahrgenommen wird, kommt auf den Leser an. Und darauf, was er kennt und was nicht. Wer seinen ersten Detektivroman liest, wird kein einziges Klischee entdecken. Wer zuerst jede Menge Nachahmungen liest, wird auch das Original für ein Klischee halten. Wer keine Ahnung von beispielsweise Polizeiarbeit hat, wird Dinge für Klischees halten, selbst wenn es sich in Wirklichkeit einfach um Tatsachen der Polizeiarbeit handelt. Auch die Zuneigung zum Autor oder dem Stoff an sich spielen eine Rolle. Wer das, was er gerade liest, grundsätzlich gut findet, wird über Klischees eher hinweglesen, als jemand, der einem Buch kritisch gegenübersteht. Und: Manche Klischees liest man einfach gern. Ich zum Beispiel Geschichten von Menschen, die herausfinden, was sie wollen und können und dann durchstarten.

Insofern sollten Autoren nicht krampfhaft versuchen, keine Klischees zu schreiben. Am Ende hat man es als Autor nicht in der Hand, wie der Text wahrgenommen wird.

Neue Lösungen finden

Auch wenn es beim Schreiben natürlich darauf ankommt, neue Lösungen zu finden. Aristoteles beschrieb in seiner Poetik die Arbeit eines Autors als Nachahmung. Und zwar geht es um die Nachahmung der Wirklichkeit – und nicht um die Nachahmung bereits existierender Texte. Wer sich daran hält, kann gar keine Klischees produzieren – selbst dann, wenn die Dinge, die man schreibt, im Kopf des Lesers zu Klischees werden.

Photo by JOSHUA COLEMAN on Unsplash

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