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Kressmann Taylor // Adressat unbekannt

Wie kann sich eine Gesellschaft entwickeln, sodass sie die Ermordung von millionen Juden erlaubt? Dieser Frage geht Adressat unbekannt am Beispiel zweier Freunde nach, die sich gegenseitig Briefe schreiben. Und mit jedem Brief driftet einer von beiden weiter ab. Beklemmend.

  • darum lesen: kurz, knapp & gut. Wichtiges Thema.
  • darum nicht lesen: finde keinen Grund. Bitte lesen.

Auf nicht einmal 70 Seiten und in 19 kurzen Briefen wird aus einem liberalen Wirtschaftsmenschen ein überzeugter Nazi. Die früheren Ansichten, die Beziehung zu seinem besten Freund, einem Juden, die Liebschaft zu dessen Schwester – das alles spielt keine Rolle mehr. Der Sog ist zur stark, gleichzeitig macht er keine Anstalten, sich zu wiedersetzen. Etwas, was schon immer tief in ihm geschlummert zu haben scheint, bricht plötzlich hervor.

Adressat unbekannt ist intensiv und kurz. Es ist übermäßig gut. Es gibt keinen Grund, dieses Buch nicht zu lesen. Vor allem nicht in heutigen Zeiten. Mut macht es freilich nicht. Argumente scheinen zu zerschellen, Apelle an die Menschlichkeit oder gar die Freundschafft verhallen im Nichts. Es ist lediglich ein Aufruf an den Leser, sich selbst zu überprüfen. Sich selbst zu beobachten.

Natürlich wendet sich das Buch gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus. Aber im übertragenen Sinne geht es um sämtliche extremen Ismen. Der Weg hinein in die Menschenverachtung, welcher Weg es auch sein sollte, ist kurz. Und die Täter sind keine Monster. Es sind Menschen. Stinknormale Menschen, die nicht immer extreme Ansichten hatten, sondern zum Teil bis zum Schluss davon überzeugt sind, das Richtige, das Gute zu tun.

„Ich habe nie auf weniger Seiten ein größeres Drama gelesen. Diese Geschichte ist meisterhaft, sie ist mit unübertrefflicher Spannung gebaut, in irritierender Kürze, kein Wort zuviel, keines fehlt.“

Elke Heidenreich

Über das Buch

Adressat Unbekannt entstand bereits 1938 und zeigt damit genau wie der Film Der Große Diktator von 1940, dass man durchaus weit vor dem Ende des Krieges etwas hätte ahnen können von den Gräueln die da geschehen sind, ja hätte ahnen müssen. Zu treffsicher sind die Inhalte dieser beiden Geschichten. Und erzählt wurden sie von Amerikanern, scheinbar unbeteiligt und weit weg. Wie viel mehr hätten die Deutschen etwas wissen müssen. In seinem Nachwort schreibt Elke Heidenreich:

„Wir, die Täter, haben fügsam die dunkler Nacht mit allem Grauen erdacht, mitgetragen, gewollt, geduldet, möglich gemacht.“

Wie treffend dieses Buch die Ereignisse schildert, zeigt auch die Tatsache, dass es umgehend in Deutschland verboten wurde. Erst jahrzehnte später fand es seinen Weg nach Deutschland und kann uns heute als Warnung dienen.

Kressmann Taylor hieß eigentlich Kathrine Taylor. Kressmann war ihr Mädchenname. Sie wählte dieses Pseudonym, weil ihr Verleger vermutete, der Stoff käme von einem männlichen Autor besser an. International erfolgreich wurde es erst 1995. Sechs Jahre später erschien die erste deutsche Ausgabe.

„Man darf über diese eindrucksvolle Geschichte nicht sprechen – zumindest nicht mit jenen, die sie noch nicht gelesen haben. Dieses kleine Buch ist ein großes erlebnis.“

Deutsche Welle

Nun denn: bitte lesen.

Kressmann Taylor // Adressat Unbekannt
10. Auflage 2019, 2000 // 1938
Hoffmann und Campe // Simon & Schuster
76 Seiten

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