Kryonium
Fiktion,  lesen

Matthias A. K. Zimmermann // Kryonium

Kryonium ist ein verworrener, plotintensiver Roman. Sowas liebe ich ja. Aber das Buch konnte mich nicht überzeugen. Am Ende überwogen die Schwächen.

  • Darum lesen: intensiver, komplexer Roman zum Mitdenken.
  • Darum nicht lesen: kaputtgeplottet, viele Schwächen im Aufbau und der Erzählweise.

Matthias Zimmermann ist Medienkünstler, beschäftigt sich mit digitalen Räumen und konnte mit seiner Arbeit schon eine gewisse Aufmerksamkeit erzielen, darunter diverse Teilnahmen an Ausstellungen. Mit Kryonium setzt er sein Werk quasi in Buchform fort. Auch hier geht es um digitale Welten. Das verrät das (einfallslose) Buchcover. Der erste Teil der Geschichte dagegen liest sich wie Fantasy – und hier beginnen dann auch schon die Schwächen des Buches.

Schwacher Beginn

Ich tat mir schwer, in die Geschichte reinzukommen. Das lag einerseits daran, dass mir Cover und Klappentext ein „technoides Märchen“ versprachen – und ich dann von einem Schloss in einem Wald mit Einhörnern, Zwergen und Hexen las. Schon ok, kein Problem, ich bin ja offen für Experimente. Ich tat mir aber auch deswegen schwer, weil das Buch erhebliche sprachliche und stilistische Schwächen offenbart. Allein der erste Satz:

„Es war der heimlische Gedanke an eine Flucht, über den ich immerwährend nachdachte; die Flucht von diesem mir unbekannten Ort.“

Der Erzähler (so wird er auf dem Buchrücken angekündigt, in Wirklichkeit handelt es sich allerdings um eine Erzählerin!) denkt über einen Gedanken nach? Das ist natürlich Quatsch. Sie denkt über Flucht nach. Schade, hätte ein großartiger erster Satz werden können – ähnliches gilt für das gesamte Buch.

Solche Schwächen treten auf den ersten Seiten häufiger auf. Da sind zum Beispiel die Tannen in einer „verdächtig stillen Winterlandschaft“, von denen „unheilvolle Laute“ ausgehen. Oder „letzte Gewissheit, dass ein Festland wirklich existierte … war reine Spekulation.“ Das hat schon die Qualität von Dunkel wars, der Mond schien helle. Für mich sind solcher Fehler echte Spaßkiller. Ohne das Ziel, eine Rezension verfassen zu wollen, würde ich sofort aufhören zu lesen.

Nun, die Schwächen lassen im Laufe der Geschichte nach. Vielleicht fesselte mich die Geschichte auch so stark, dass ich drüberhinweg sah. Die Ausgangssituation, dass da jemand plötzlich irgendwo feststeckt, keine Ahnung hat, wo er ist, noch nicht einmal wer er ist und jetzt abhauen will, wie auch immer, finde ich eigentlich ziemlich geil. Auch wie die Erzählerin detektivisch, quasi gemeinsam mit mir, diese eigenwartige Welt kennenlernt und einer Flucht Puzzlestück für Puzzlestück immer näher kommt, finde ich spannend. Dazu noch zwei, drei gelungene Überraschungen.

Schwaches Ende

Am Ende des Buches kehren die Schwächen jedoch zurück. Zum einen ist die Geschichte nach der ersten großen Wendung recht vorhersehbar, weil sie bekannten Mustern folgt. Wer beispielsweise Matrix, Inception, eXistenZ, Der Dunkle Turm oder andere Stoffe kennt, die mit verschiedenen Reralitätsebenen spielen, erwarten ganz einfach, dass es mehr als nur zwei solcher Ebenen gibt. Außerdem haperts an der internen Logik, etwa wenn die Erzählerin bei ihren Zeitreisen aufpassen muss, nicht ins Raum-Zeit-Kontinuum einzugreifen, weil sonst furchtbare Konsequenzen drohen, ähnlich wie bei Zurück in die Zukunft. Tatsächlich aber gibt es solche Eingriffe alle paar Seiten, die Konsequenzen bleiben hingegen aus, weil der Autor sie in Form ewiger Zeitschleifen bereits in die Geschichte eingebaut hatte. An dieser Stelle der Geschichte geht auch aus anderen Gründen jede innere Logik verloren. Mir scheint fast, der Autor hat sich beim Plotten etwas übernommen und in dem äußerst komplexen und verworrenen Plot selbst die Übersicht verloren.

Auch das Ende gefällt mir ganz und gar nicht und zwar, weil die Hauptfigur, eine Mathematikerin (die übrigens Japan und Spiele liebt – aber Sudoku nicht kennt(?!)), die alles analytisch durchdenkt, komplett irrationel handelt. Irrational handeln ist kein Problem, das dürfen Figuren natürlich, aber in diesem Fall erscheint es mir doch recht unglaubwürdig. Meine Vermutung: Dem Autor gings um ein Ende, wie man es beispielsweise aus Inception oder Der Dunkle Turm kennt.

Thema: Computerspiel als Fluchtmedium

Die Geschichte transportiert die meiste Zeit keine tiefere Aussage. Gegen Ende dann gehts aber darum, die reale Welt virtuellen Spielewelten gegenüberzustellen. Das passiert recht ausgewogen, besonders gut weg kommt dabei zunächst keine der beiden Welten weg. In der realen Welt werden die Menschen vom System versklavt, alles dreht sich um Arbeit, Status, Geldverdienen. Das ist freilich nichts Neues. Die virtuellen Welten dagegen werden als gefährliche Falle dargestellt, deren immersiven Sogwirkung man sich kaum entziehen kann. Auch wenn der Autor am Ende klar Stellung bezieht, eignet sich der Stoff hervorragend, um das Thema ausführlich zu diskutieren. Das finde ich klasse.

Okaye Ausstattung

Das Buch ist gut produziert, der Buchsatz in Ordnung. Das Cover wirkt äußerst billig auf mich, es handelt sich um eine recht einfache, gerenderte Grafik. Es wird ein Nachwort von Stephan Günzel, einem Medienwissenschaftler angekündigt. Hat mich allerdings ähnlich enttäuscht wie das Buch selbst.

Viele der Schwächen des Buches hätten im Lektorat durchaus auffallen dürfen. Allerdings ist Kristina Schippling, die dafür verantwortlich zeichnet auch gar keine Lektorin, sondern laut Webseite Schriftstellerin und Regisseurin.

Fazit

Einmal mehr ein Buch, das so viel besser hätte sein können. Zwischenzeitlich dachte ich tatsächlich, trotz aller Schwächen einen echten Knaller in die Finger bekommen zu haben – und dann das enttäuschende letzte Viertel. Schade, dass der Autor am Ende in seinem komplexen, an sich gut durchdachten Plot selbst die Übersicht verloren zu haben scheint.

Matthias A. K. Zimmermann // Kryonium
1. Auflage 2019 // Rezensionsexemplar
Kulturverlag Kadmos
324 Seiten

Weitere Buchbesprechungen

Ich stehe mit meiner eher negativen Kritik an Kryonium weitgehend alleine da. Auf amazon.de tummeln sich die positiven Kritiken und auch folgende Buchblogs waren begeistert:

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