lesen, Lyrik
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Layli Long Soldier // Whereas

Whereas, Rasen

Was für ein intensives Buch. Layli Long Soldier schreibt in (moderner) Gedichtform über ihr Leben als Bürgerin der USA und des Stammes der Oglala Lakota. Ein Buch über Grenzen, das Grenzen sprengt. In erster Linie formal, wenn es nach der Autorin geht, aber vor allem in den Köpfen.

  • darum lesen: unheimlich dicht und intensiv, insbesondere auch durch den Buchsatz ein Leseerlebnis
  • darum nicht lesen: recht schwerer Stoff und nicht immer leicht zugänglich

Wie ist das, in Nordamerika aufzuwachsen? Wenn man zu einem Stamm der Ureinwohner gehört? Und gleichzeitig Nordamerikanische Staatsbürgerin ist? Es ist ein Leben, in dem Grenzen eine wichtige Rolle spielen: Die Grenzen des Reservats, der indianischen Kultur, der eigenen Identität. Einerseits sind die Grenzen zu eng, um atmen zu können. Andererseits sind sie aufgelöst, zur Unkenntlichkeit entstellt, sodass die eigene Identität in den leeren Raum zu entfleuchen droht.

Whereas besteht aus zwei Teilen. Im ersten beschäftigt sich Frau Soldier mit ihrem eigenen Leben. Damit, was es bedeutet mit der doppelten Staatsbürgerschaft auzuwachsen.

„I am a citizen of the United States and an enrolled member of the Oglala Sioux Tribe … and in this dual citizenship I must work, I must eat, I must art, I must mother, I must friend, I must listen, I mujst observe, constantliy I must live.“

Dieser Aussage entsprechend schreibt Soldier über relativ alltägliche Dinge. Das Leben eben. Mutterschaft. Fehlgeburten. Arbeit. Schreiben. Sie schreibt, über die Sprache des Stammes und die Schwierigkeiten, bestimmte Wörter zu übersetzen.

Im Übergangh zwischen Teil 1 zu Teil 2 beschäftigt sich Soldier mit den Dakota 38. 38 Männern, deren Todesurteil an nur einem Tag vollstreckt wurde. Zur Strafe und zur Absschreckung nach einem Indianeraufstand. Oder sollen wir lieber sagen: dem Selbstverteidigungskampf einer Gruppe, die zu verhungern drohte?

Im zweiten Teil schreibt Layli Long Soldier über eine Resolution, in der sich die USA offiziell bei den amerikanischen Ureinwohnern entschuldigen. Eine Resolution, die von Barack Obama unterschrieben wurde, allerdungs nur so halböffentlich. Eine Resolution, die den meisten US-Bürgern kein Begriff ist. Sie schreibt außerdem mehr über das Schicksal der Ureinwohner an sich.

Whereas ist nur bedingt Lyrik. Nur insofern, wie experimentelle Prosa eben Lyrik ist. Soldier spielt insbesondere mit Textsatz, baut wenige grafische Elemente ein, die jeweils Grenzen symbolisieren. Da steht ein einziger Satz auf einer Seite, die Wörter langgestreckt und untereinander platziert. Wörter werden ausgelassen, bzw. quasi auf die nächste Seite durchstanzt. Sie bilden Formen, Bilder. Soldier lässt Satzzeichern weg, Leerzeichen erfüllen mehr Funktionen, als nur zwei Wörter voneinander zu trennen. So ist der Text nicht immer einfach zu verstehen. Man muss sich eben durchkämpfen. Ist auf diese weise intensiv mit der Lektüre beschäftigt und man öffnet dem Thema eine Tür im Hirn, sodass der Stoff tief eindringen kann. Eine großartige schriftstellerische Leistung.

„I was blown away when I read Layli Long Soldier’s Whereas … I find myself simply standing back in admiration, savoring every perfect, necessary word of her intervention. I imagine the whole of Whereas one day being read in its entirety to and from the hilltops, in all its intimate wonder. I hope to be there.“

Maggie Nelson

Layli Long Soldier // Whereas
UK-Ausgabe 2019 // 2017
Picador // Graywolf Press
101 Seiten

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Mein Ziel: Aus jedem Land der Welt ein Buch lesen: Read Around The World

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