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Magret Kindermann // Tulpologie

Wie wäre es, Witwe zu sein? Kann man sich schon mal fragen. Die Protagonistin in Tulpologie fragt sich das allerdings nicht nur. Als ihr Mann auf Geschäftsreise ist, probiert sie es quasi ausversehen aus – und findet Gefallen daran.

  • darum lesen: kurz und gut, interessante Fragestellung, kreative Erzählweise
  • darum nicht lesen: Stilmix, weder Hauptcharakter noch Autorin wissen so recht, was sie wollen

Die Vorstellungskraft ist etwas wundervolles. Sie hilft uns dabei, in fremde Länder zu reisen, die möglicherweise gar nicht existieren. Sie hilft uns, Rollen auszuprobieren, die wir nie einnehmen werden. Sie verschafft uns Abenteuer, auf die wir uns kaum einlassen würden. Sie stillt unsere Sehnsucht, zwar nicht nachhaltig, dafür aber risikobefreit.

Frau Hundsnurscher scheint diese Vorstellungskraft zu fehlen. Sie lebt ihr Leben, weiß nicht recht warum und richtig zufrieden damit ist sie auch nicht. Bis sie eines Tages aus Versehen behauptet, ihr Mann sei tot. Warum? Weiß keiner. Und wie man so eine Lüge aus einem Versehen heraus erzählen kann ist auch unklar. Als Leser hätte ich das aber gerne gewusst. Ich erinnere mich direkt an die Karte meiner Träume, in der der kleine T.S. behauptet, seine Eltern seien tot – woran er anders als Marlene Hundsnurscher allerdings keinen Gefallen findet. Aber die missliche Lage wird nicht so motivations- und grundlos eingeführt. Aber gut, das ist im Endeffekt wurscht, die eigentliche Geschichte ist ja das, was sich aus dieser Situation entwickelt.

“Sie müssen doch nicht weinen!”

Dieser Satz führte dazu, dass sie wieder lauter schluchzte, denn er degradierte ihr Weihnen: Sie hatte keinen Grund dazu. Ein schwaches Weib war sie, hysterisch, eine Heilsuse. Sie gehörte zu den Frauen, denen man nichts zutraute, die neben ihrem Mann sitzen und lächeln, mit einem Hündchen auf dem Schoß, und die ab und zu heulen.

“Pfui!”, stieß sie aus und wollte die Primeln gar nicht mehr haben.

“Aber was haben Sie denn?”, fragte Herr Huang. Er rang nach Worten.

Mein Mann ist verstorben. Gestern habe ich es erfahren.”

Aus dieser Situation entwickelt sich auf den folgenden gut 100 Seiten nicht sehr viel (ein guter Teil der Geschichte sind zudem Rückblenden). Frau H. muss sich entscheiden, die Lüge zu gestehen, sie aufrecht zu erhalten oder ein ganz neues Leben auszuprobieren. Sie weiß nicht, was sie will und tut mal dies, mal das. Womit wir bei Thema Nummer 2 sind: (nicht) zu wissen, was man will. Und dieses Thema ist zweifelsohne gut ungesetzt, sowohl inhatltlich als auch strukturell. Ich bin mir aber nicht sicher, ob etwas mehr Entschiedenheit seitens der Autorin nicht doch besser gewesen wäre. Die Lüge kann Frau H. natürlich nicht zurücknehmen, dann gäbe es keine reizvolle Geschichte mehr. Aber die anderen beiden Optionen könnte man doch intensiver verfolgen.

Nun, das passiert nicht, was zur Folge hat, dass Figur und Geschichte von einer unspezifischen, nicht greifbaren Macht mal hierhin, mal dorthin getrieben werden. Zumindest die Geschichte gewinnt dadurch aber an Leichtigkeit, was ja jetzt auch nicht das Schlechteste ist. Wie ein Frühlingswind vielleicht. Noch nicht sehr warm, aber es duftet bereits nach Frühling, die Wärme liegt in der Luft. Aber im Schatten ist es schon noch ganz schön kühl. Auf jeden Fall angenehm. Dazu passt der Textsatz, der durch den großen Zeilenabstand das Buch ebenfalls luftig und poetisch werden lässt.

Auch der Stil ist potenziell poetisch. Potenziell, weil Frau Kindermann mal das eine, mal das andre versucht. Manches erinnert mich an den Erzählton des Films Die Fabelhafte Welt der Amélie oder auch an Filme von Jim Jarmusch, anderes an die Dialoge Edgar Hilsenraths. Alles nicht schlecht, aber auch hier hätte eine klare Linie dem Buch bessergetan.

“Es ist furchtbar traurig. Elsbeth, habe ich zu ihr gesagt, Elsbeth, deine Ehe ist eine Schande.”

“Wirklich?”

“Ja.”

“Unglaublich.”

“Ja.”

“Und?”

“Was?”

“Ist sie eine Schande?”

“Aber ja.”

Das Buch endet, wie es beginnt. Irgendwie elegant, gleichzeitig aufreizend unspektakulär. Frau H. hat es viel zu leicht, niemand nimmt ihr ihre Lüge krumm. Passt schon. Wahrscheinlich, weil sie ohnehin alle selbst lügen, aus Höflichkeit, Geltungssucht, Bequemlichkeit (Thema Nr. 3). Aber weil das so ist, droht die Geschichte auf den letzten Seiten irrelevant zu werden, selbst im Leben der Figuren. Wenn, ja wenn da nicht noch eine Kleinigkeit passieren würde.

Was ich großartig finde: Das Buch heißt Tulpologie. Also Tulpe, klar und Logos, das Wort. Das Wort der Tulpe oder so ähnlich. Und passenderweise kommen die Tulpen – oder was von ihnen übrig bleibt – zu Wort. 🙂

Alles in allem ein gelungenes Debüt mit kleineren Schwächen, das mir Lust macht, mich auch mit den restlichen Werken der Aurorin zu beschäftigen. Würde wirklich gerne wissen, in welche Richtung sich ihr Schreibstil in den nächsten Büchern entwickelt hat.

Nachtrag: Das wirkliche Debüt von Magret Kindermann ist “Zwei Königinnen”.

Magret Kindermann // Tulpologie
1. Auflage 2017
Twentysix
123 Seiten

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