Symphonie der Stille, Junge mit Geige, Holztisch
Fiktion,  lesen

Manuel Hirner // Symphonie der Stille

Ein Roman über die Schönheit, über die Macht der Musik – betrachtet durch die Augen eines Tauben. So stehts auf dem Buchrücken von Symphonie der Stille. Klingt hervorragend – leider wurde ich enttäuscht.

  • Darum lesen: Ungewöhnliche Erzählperspektive, interessante Hintergrundgeschichte …
  • Darum nicht lesen: … die beide versemmelt werden.

Mir gefiehl der Text auf dem Buchrücken und auch das Cover von Symphonie der Stille finde ich großartig. Ein Fantasyroman über Musik. Toll. Aus der Perspektive eines Tauben erzählt. Reizvoll. Eine Welt, die von einer wachsenden (Alp)Traumzone aufgefressen wird.

Leider hätte ich nach 30 Seiten am liebsten wieder aufgehört zu lesen. Aber weil ich Bücher nunmal zu Ende lese, habe ich nicht aufgegeben. Meistens werde ich belohnt, allein schon, weil ich mich an ein Buch gewöhne und dann interessante Dinge entdecke. Auch die Symphonie der Stille wurde besser, aber so richtig gut ist das Buch nie geworden. Am zweiten Band, der die Geschichte weitererzählt, habe ich kein Interesse.

Ein 12-jähriger Erwachsener

Mein größtes Problem ist der taube Junge. 12 Jahre soll Luctu angeblich sein, tritt aber weiser und reifer auf als viele Erwachsene. Obwohl Luctu seit Geburt taub ist, kann er perfekt Lippenlesen, aktzentfrei sprechen und denkt in akustischen Beschreibungen seiner Umwelt. Da trommelt der Regen auf die Wagenplane und einer seiner ersten Gedanken in der Großstadt ist, dass das Stimmengewirr vermutlich anstrengend ist.

„Traurig, heiter, drohend. Schnell und langsam, tragend und fallend. Wer einmal den Klängen einer Violine gelauscht hat weiß, welche Magie in der Musik steckt, welche Wunder sich hinter dünnen Wänden aus lackiertem Holz verstecken können, freigesetzt und in Bewegung gebracht allein durch die sachter Bewegung des Bogens, durch ein Schwingen der Saiten.“

So fängt die Symphonie der Stille an. Und das ist natürlich ein poetischer Satz, wirklich schön geschrieben. Aber er stammt aus dem Mund dieses tauben 12-jährigen Jungen.

Nun, das alles fand ich einfach komplett unglaubwürdig. Ok, der Junge ist was Besonderes, quasi vom Schicksal auserwählt und hat eine wichtige Aufgabe. Schon klar. Kann man ja machen. Glaubwürdig sollte eine Figur halt aber trotzdem sein.

Ich habe aber noch weitere Probleme mit diesem Buch. Zum Beispiel, dass es nicht wie versprochen um Musik geht, auch nicht um Schönheit. Erstere spielt zwar in der Welt des Buches eine große Rolle, in der Geschichte aber nur eine untergeordnete. Die Schönheit gar keine.

Wechselnde Perspektiven

Das nächste Problem: Die Geschichte wird nicht, wie auf dem Buchrücken angekündigt, aus der Sicht Luctus erzählt. Zumindest nicht durchgehend. Immer wieder wechselt der Autor die Perspektive: Magnifa der Gelehrte, Laspergam der König, Desis die Leibwächterin, selbst Edulas der Wissenschaftler darf ran. Macht ja nichts. Gibt gute Gründe, die Geschichte nicht durch die Augen Luctus zu erzählen. Aber dadurch verliert sie auch einen Teil ihres Reizes. Meine Theorie: Dem Autor war es zu anstrengend, sich genau zu überlegen, wie man eine Geschichte aus der Perspektive eines Tauben erzählt. Deswegen hat er zuerst die Taubheit abgeschwächt, bis sie irrelevant war, dann hat er die Perspektive hin zu einfacheren Figuren gewechselt.

Nun, leider nutzt Manuel Hirner auch seine vielen Perspektiven nicht wirklich aus. Diese hätten ja die Chance eröffnet, viele Figuren wirklich intensiv zu begleiten und tiefe Einblicke zu gewähren. Doch genau das passiert nicht, im Gegenteil. Alle Figuren bleiben das gesamte Buch hindurch statisch. Keine Entwicklung, nirgends. Immerhin gibt es hier und da Konflikte und interessante Entscheidungen, die den Figuren aber total leicht fallen und so an Gewicht verlieren. Selbst die drohende Gefahr der Traumzone scheint gar nicht so wild zu sein.

„Ihr müsst Euch etwas von der Vorstellung trennen, dass alle Geschöpfe in der Zone böses wollen. Es kommt sogar vor, dass Tiere entarten, ohne aggressiv zu werden. Ich kann mich ziemlich zu Beginn meiner Zeit in der Sondertruppe erinnern, als wir einen Hund aus der Zone hatten, ein Tier groß genug, um sich mit einem Bären anzulegen. Doch gegenüber Menschen war es die treueste Seele.“

Das sagt eine der Figuren selbst. Ja, wenn das so ist. Einerseits scheint also die Gefahr gar nicht so groß zu sein, andererseits garantiert selbst ein Erfolg der im Buch beschriebenen Rettungsmission gar nicht die Rettung der Welt. Das ist einer der Gründe, warum es mir so komplett wurscht ist ob und auf welche Weise die Welt gerettet wird oder nicht.

Wenig Fantasy

Und noch eine Enttäuschung: die Alptraumzone.

Die Welt in Symphonie der Stille ist eine ganz normale Fantasywelt, die dem Mittelalter entlehnt ist inklusive minimal Magie und ein paar Fantasiewesen. Absolut ok. Dann gibt es noch diesen Urzeitmolch, der die Welt trägt bzw. zusammenhält. Dieses Tier träumt und dadurch breitet sich eine Traumzone aus, in der alles Leben abstirbt, mutiert oder dem Wahnsinn verfällt und neues Leben entsteht. Eigentlich großartig. Ich dachte an Inception, an The Cell, an Alice im Wunderland. Aber in dieser Traumzone passiert gar nix. Ja, manche Wesen sind recht abstrus, ja es riecht mal hier, mal da ein bisschen nach Verwesung. Und dieses Lied spielt. Ok. Das wars dann aber auch.

Nichts von dem, was Träume ausmacht. Keine gigantischen Blüten, keine Abgründe, keine irrationalen Zeitsprünge, keine Horrorwesen (lediglich die Grauen, irgendwas zwischen Zombie und schlechter Karikatur auf Naturvölker), keine bunten Farben, keine Dunkelheit, keine Wasserfälle, die aufwärts fließen, oder was weiß denn ich. keine Wetterschauspiele, mal abgesehen von Nordlichtern. Das Lied, das da in Dauerschleife dudelt, macht angeblich wahnsinnig. Warum kriege ich nichts davon mit? In der Geschichter, die Manuel Hirner erzählt, verfällt niemand dem Wahnsinn.

Wirklich schade.

Auf Amazon schreibt ein Rezensent:

„Eine Story, die so wunderbar fantasievoll ist, dass man auf jeder Seite neu staunt, und Beschreibungen, die dem Leser eine Welt voller fremder Kreaturen und Gewächse eröffnet.“

Äh nein. Genau diese Dinge fehlen fast vollständig.

Fazit

Der Plot an sich ist ja ok. Mal abgesehen davon, dass keine einzige Geschichte zu Ende erzählt wird. Nichtmal ein kleiner Subplot wird abgeschlossen. Es ist insofern nur ein halbes Buch. Der Schreibstil ist einfach und klar, hier und da etwas Poetik. Das ist gut und hat Potenzial. Auch die Schlachten und Kampfszenen sind zum Teil gar nicht übel, für mich sogar das Beste am Buch. Die Versprechen des Buchrückens können aber nicht eingehalten werden. Dazu kommt noch eine schwache Aufmachung, mal abgesehen vom Cover (das ich wirklich gut finde). Ohne Vorwarnung gehts rein in die Geschichte, die Seiten sind eng bedruckt, hier und da mal ein Absatz mit einer Zeile Abstand. Keine Kapitel, keine Überschriften. Und so macht dieses Buch auf den allermeisten Seiten einfach keinen Spaß.

Manuel Hirner // Symphonie der Stille
Taschenbuchausgabe 2019, Rezensionsexemplar
A. Fritz Verlag
366 Seiten

Weitere Buchbesprechungen

Habe zwei Buchblogger gefunden, die von Symphonie der Stille begeistert waren:

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