Segu, Maryse Conde
Fiktion,  lesen

Maryse Condé // Segu

Hausbau kostet Geld, Kraft und auch Zeit. Für Bücher bleibt da momentan nicht viel übrig. Das wird noch eine Weile so weitergehen. Dennoch habe ich endlich mal wieder ein Buch durchgelesen: Segu.

  • Darum lesen: wichtige Autorin, und Segu ist ihr vermutlich wichtigstes Werk
  • Darum nicht lesen: episodenhaft geschrieben und das machts teilweise anstrengend; nicht immer stilsicher

Ich habe nicht nur aufgrund unseres Hausbaus so lange gebraucht, bis ich mit Segu durch war. Lag auch am Buch selbst, das mich anfangs gepackt hat. Aber der ständige Wechsel der Protagonisten und das andauernde Leid und Unglück, dass die Familie Traoré erleiden muss, haben mich abgestumpft. Ab der Hälfte des Buches wollte und konnte ich mich in keine der Figuren mehr hineinfühlen und dadurch ging mir der Lesespaß verloren.

Vielleicht muss man sich von frühester Kindheit an gegen das Scheitern seiner Ambitionen wappnen. Vielleicht muss man sich immer wieder sagern, dass das Leben nie so verlaufen wird, wie man es sich vorgestellt hat.

Den Ansatz mag ich aber sehr: Die Geschichte einer Stadt, bzw. die Geschichte ihres Niedergangs erzählen. Diese Erzählung dann an eine Familie zu verknüpfen und die Mitglieder der Familie über mehrere Generationen hinweg zu begleiten ist ein probates Mittel. Condé hat ihre Geschichte in einen wahren historischen Kontext gepackt, berichtet viel über die Kultur Segus und der Bambara, die dort lebten. Das ist toll, detailliert, gibt interessante Einblicke. Aber eine Stadt geht nicht an einem Wochenende unter. Das dauert ein paar Generationen – und nachdem Condé das Schicksal der Stadt Segu mit dem der Familie Traoré verknüpft, diese also ebenfalls untergeht, muss ich auf mehreren hundert Seiten von einem Schicksalsschlag nach dem anderen lesen. Das war zuviel für mich.

Themenvielfalt

Was natürlich nicht heißt, dass Segu kein gutes Buch ist. Isses. Ein hervorragendes Buch, intensiv, tief. Thematisch vielseitig. Es geht um Heimat, Familie, Tradition und Fortschritt, um Religion, Sklaverei und Rassismus. Dabei spielt sie immer wieder die Gegensätze und Paradoxa aus. Da geht es um den Islam, die angebliche Religion des Friedens, deren Anhänger allerdings einen Feldzug nach dem anderen veranstalten und am Ende auch Segu unterjochen. Es geht um die Flucht aus der Enge der Familie und die Sehnsucht nach der Heimat. Es geht um schreckliche Dinge wie Sklaverei und Vergewaltigung und darum, wie Menschen mit ihrem Schicksal zurechtkommen. Bitter ist mir dabei aufgestoßen, wie unproblematisch die Dinge zum Teil zu sein scheinen. Mehrmals werden Frauen vergewaltigt – nur um danach in Sehnsucht und Liebe zum Vergewaltiger zu entbrennen. Menschen werden entführt, landen in der Sklaverei, erreichen irgendwann die Freiheit – und sehnen sich dennoch zurück nach der Gefangenschaft. Diese Geschichten gibt es, ich kenne sie auch aus anderem Kontext. Natürlich dürfen sie auch erzählt werden. Aber sie bedürfen meiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit, als nur ein kleiner Teil einer Episode zu sein.

Warum verbreiteten die Engländer ihren Glauben und ihre Lebensweise am andern Ende der Welt, wenn ihnen bei sich zu Hause noch so viel zu blieb?

Stilistisch fast immer sicher

Condé liefert keine Argumente für oder gegen etwas. Sie beobachtet einfach, erzählt ihre Geschichte, hält sich als Autorin zurück. Meistens jedenfalls. Denn ganz selten tauchen da plötzlich Stellen auf, in denen sie als Erzählerin kommentiert. Hier und da gibt es weitere stilistische und sprachliche Schwächen, das scheinen aber nur kurze Aussetzer zu sein, die meiste Zeit schreibt sie sehr klar und rein. Und so ist dieses Buch eben eine Beobachtung eine Blick aus Segu auf Segu, ein Blick, der bis nach Brasilien und England schweift, voller Verwunderung, der aber immer wieder zurückkommt nach Segu, voller Bewunderung.

Maryse Condé // Segu
Genehmigte Taschenbuchausgabe 1988 // 1984
Goldmann, Kiepenheuer & Witsch // Editions Robert Laffont
676 Seiten

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Mein Ziel: Aus jedem Land der Welt ein Buch lesen: Read Around The World

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