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Max Frisch // Homo faber

Max Frisch, Homo Faber, grauer Stoff

Was für ein furchtbares, gut geschriebenes, anspruchsvolles, großartiges Buch. Sprachlich top, thematisch vielleicht etwas altbacken – 60 Jahre nach Veröffentlichung. Trotzdem lesenswert.

  • Darum lesen: Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur, großartige Sprache, dramatische Geschichte.
  • Darum nicht lesen: Sowohl der Ödipuskomplex, als auch der Gegensatz von Ordnung und Chaos sind nicht sehr aktuell.

Homo faber wird aus der Sicht des Walter Faber geschrieben. Ich-Perspektive. Vorn auf dem Cover steht: „Ein Bericht“. Und was dieser Herr Faber berichten will, ist die Unausweichlichkeit, mit der sich diese Geschichte anbahnte. Der Sitznachbar im Flug, die Notlandung, die Begegnung im südamerikanischen Urwald, die Beziehungskrise, die Schifffahrt. Hätte auch alles ganz anders kommen können. Kam es aber nicht. Faber steuert auf sein ganz persönliches Unglück zu, wobei ich sagen muss, dass das Schicksal in den griechischen Dramen und Sagen, die zweifeldohne Pate standen, doch noch etwas unausweichlicher ist. Beim Homo faber scheint der Protagonist durchaus Herr der Lage zu sein und seine eigenen Entscheidungen zu treffen, die aber doch auch hätten anders ausfallen können.

Weniger dramatisch ist das Ende des Buches jedoch nicht. Allerdings auf eine ganz andere Art und Weise, denn Faber wird durch die Ereignisse vollkommen aus der Bahn geworfen (was auch die Sprache verdeutlicht wird). Das eigentliche Unglück wird zum Wendepunkt, nicht zum Ende der Geschichte, denn natürlich geht Fabers Geschichte auch nach dem Unglück noch weiter.

À propos Sprache. Zu Beginn sehr neutral und knapp, immer wieder gar eliptisch. Faber betont die schicksalshaftigkeit der Ereignisse. Später dann gebrochen, verworren, fast deliriös. Zwischenrein mal dokumentenartige Texte, wirkt dann fragmentarisch. Gefällt mir gut.

Die Themen des Buches

Hinten auf dem Buchrücken steht:

„Der Bürger verläßt das Gefängnis seiner Wohlanständigkeit, versinkt im Anonymen und kehrt anders zurück, als er aufbrach. Dort, wo das Ich sich in der Namenlosigkeit verliert und seine Vergangenheit preisgibt, entfernt sich das Individuum von allem Vertrauten.“

Walter Jens

Ich habe keine Ahnung, was dieses Zitat soll. Hat meines Erachtens überhaupt nichts mit Homo faber zu tun. Aber ich will nicht auschließen, dass ich weder Zitat noch Buch richtig verstanden habe. Nun, weder von Wohlanständigkeit noch von Anonymität ist die Rede. Von der preisgabe der Vergangenheit vielleicht.

Als zentrale Themen würde ich als erstes den Gegensatz zwischen Ordnung, Vernunft, Berechenbarkeit und Kontrolle auf der einen Seite, Chaos, Zufall, Schicksalshaftigkeit und Impuls auf der anderen Seite nennen. Ersteres wird durch den männlichen Protagonisten präsentiert, letzteres durch seine weiblichen Gegenüber. Das ist natürlich irgendwie stereotyp in negativem Sinne. Der Vorwurf ist vielleicht aber auch unfair, weil Walter Faber halt nunmal ein übermäßig rationaler Mensch ist und weil es sein Bericht ist und Frauen zwangsläufig durch seine Perspektive gezeigt werden. Zwar darf insbesondere Hanna ihre Meinung äußern und Faber denkt auch darüber nach. Aber es bleibt seine Perspektive. Der Gegensatz wird außerdem durch die Technik und die Natur gespiegelt. Die Flugzeugpanne samt Notlandung in der Wüste zeigt gleich zu Beginn, wer im Buch letztendlich die Oberhand behalten wird.

Zweites zentrales Thema ist natürlich das Ödipus-Motiv. Steht rein vom Plot her klar im Vordergrund. Faber muss das Treffen mit seiner Tochter aufarbeiten. Insofern ist Homo faber eine Art Rechtfertigungsschrift, aber keine entschuldigende.

Homo faber wurde Anfang der 90er vom literarischen Quartett besprochen. Anlass war einerseits der Tod von Max Frisch, andererseits die Verfilmung des Buches. Recht interessant:

Max Frisch // Homo faber
Taschenbuch, erste Auflage, 1977 // 1957
suhrkamp
203 Seiten

#ReadAroundTheWorld

Mein Ziel: Aus jedem Land der Welt ein Buch lesen: Read Around The World

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