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Olivia Kleinknecht // Der Kuss

der kuss, schwarze Decke

Dieses Buch war ein Genuss. Liegt sicherlich zum Teil daran, dass ich zuvor eines der schlechtesten Bücher meines Lebens gelesen habe. Aber schon auch, weil es wirklich gut ist. Langsam, philosophisch – und ein bisschen verstörend.

  • darum lesen: interessante Gedanken, poetische Sprache, perfekte Länge
  • darum nicht lesen: recht negative Botschaft über das Altern.

Zentrales Thema von Der Kuss ist das Altern. Die Protagonistin siecht in ihrer Wohnung dem Tod entgegen, selbst kleine alltägliche Aufgaben wie Wäsche waschen, einkaufen oder einfach nur aus dem Sessel aufstehen bereiten ihr große Anstrengung. Sie ist vergesslich, gebrechlich, kann nicht mehr putzen, vermeidet es, die Anstrengung auf sich zu nehmen, sich zu waschen, sie lässt aus Versehen den Kühlschrank tagelang offen. Olivia Kleinknechts Ton, in dem sie das Leben der alten Frau beschreibt, ist nicht unbedingt liebevoll, fast schon distanziert und dennoch komme ich dieser Frau, deren Namen ich nicht erfahre, irgendwie näher.

„Der menschliche Körper zerfiel nicht wie ein antiker Tempel, der noch im Zerfall die Schönheit der ursprünglichen Konstruktion behält. “

Ihre einzige Beschäftigung sind Briefe, die ihr der Regisseur Angelotti vor Jahren geschrieben hatte (und über den es ein weiteres Buch der Autorin gibt). In diesem beschreibt Angelotti wiederum selbst, wie er mit dem eigenen Altern zurechtkommt: gänzlich anders als die Dame. Für beide ist das Altern eine Katastrophe, doch während die Frau sich ihrem Schicksal ergibt, reißt der Regisseur die Kontrolle zwanghaft an sich. Er nimmt sich, was er will, wann er es will, und legt der Protagonistin fast schon zu detailliert Rechenschaft darüber ab – inklusive diverser sexueller und gewaltvoller Exzesse.

„Ich hatte das Gefühl, Zeuge des Untergangs einer Welt, meiner Welt geworden zu sein, und ich fürchte, in jedem Leben gibt es, wie jetzt in meinem, einen Moment, von dem an man in einer Welt lebt, die immer weniger der Welt der anderen gleich, die man mit immer weniger Menschen teilt, die zusehends eine Welt purer Erinnerungen wird.“

Dieses Zitat erinnert mich an Erhart Kästners These in Aufstand der Dinge. Welt ist, was sich forttut. Und weil Welt ist, was sich forttut, muss sich dieses Gefühl, das Angelotti in seinem Brief beschreibt, tatsächlich bei jedem einstellen. Denn die Welt entfernt sich mit zunehmendem Alter immer mehr von einem Menschen. Sie wird ihm fremd und er sich selbst und was ihm bleibt, sind eben Erinnerungen.

Ich kann Angelotti kaum anders nennen als ein absolutes Arschloch. Aber weil er gepflegt ist, sich gepflegt ausdrückt, sich selbst bei seinen Exzessen ebenfalls nicht verschont, er außerdem äußerst großzügig ist, wirkt er gleichzeitig irgendwie sympathisch.

„Nichts ist so anziehend, wie ein Bösewicht, der gute Eigenschaften zu besitzen scheint.“

Von den Briefen aufgerüttelt, entschließt sie, dann doch noch mal alle Kraft und allen Mut zusammenzunehmen, ihr Leben unter Kontrolle zu bringen und es wenigstens ein kleines bisschen zu genießen.

„Lauter sinnlose Gewohnheiten hatten ihr Leben mit der Zeit in ein Korsett gezwängt, das Bequemlichkeit und Feigheit immer enger schnürten. Es zu lockern, verschaffte ihr jetzt dieselbe heimliche Freude, wie die Überschreitung eines Verbots.“

Stärken & Schwächen

Die Geschichte ist weitgehend gut angelegt, obwohl mir an manchen Stellen der Rhythmus verloren geht zwischen Briefen und dem Leben der alten Dame. Aber es gibt schöne Parallelen, viel wird nur angedeutet, wodurch das Buch seine verstörende Wirkung erhält. Die Sprache der beiden Figuren ist gut austariert.

Natürlich hat das Buch auch Schwächen.

  • Einige Beschreibungen der Protagonistin wirken perspektivisch falsch, etwa wenn von ihrer Affenartigkeit die Rede ist.
  • Kaum zu glauben, dass diese Briefe für die Protagonistin wie neu sein sollen, obwohl sie sie schon mehrfach gelesen hat.
  • Mir persönlich kommen außerdem deutlich zu viele Traumsequenzen vor.

Macht nix. Trotzdem ein tolles Buch.

Ein besonderes Lob möchte ich für die Länge des Buches aussprechen. Es hat keine 200 Seiten und manch ein Autor wäre sicherlich in die Versuchung zu kommen, es etwas zu strecken. Möglichkeiten hätte es genug gegeben. Aber hätte es mehr gebraucht? Ich denke nicht. Hätte man kürzen können? Nicht wirklich. So mag ich das.

Olivia Kleinknecht // Der Kuss
Taschenbuchausgabe 2019 // Rezensionsexemplar
Kindle Direct Publishing
185 Seiten

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