Fiktion
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Philip Reeve // Mortal Engines

Zugegeben, ich habe Mortal Engines nur aus einem Grund gelesen: die Verfilmung von Peter Jackson. Hätte ich was verpasst? Nö. Kein Kracher. Aber ein gutes Buch mit interessantem Setting.

  • darum lesen: interessantes Endzeit-Setting mit diesen fahrenden Städten. Gut geschrieben.
  • darum nicht lesen: komplett unrealistisches Setting. Computerspielplot.

Ich stehe auf Endzeit und postapokalyptische Settings. Mad Max, Waterworld, Book of Eli usw. Großartig. Der Trailer zu Mortal Engines hat mich deswegen sofort geflasht.

OK, eigentlich ein ziemlich bescheuerter Gedanke. Aber Philip Reeve erzählt es voller Überzeugung und ab und zu kann man seine rationalen Bedenken ja auch einfach beiseite schieben und die Geschichte genießen. Die ist nichts besonderes: Tom und Hester wollen nach London, einer fahrenden Stadt, und auf dem Weg dorthin müssen sie allerhand Abenteuer bestehen. Reeve erzählt sie weitgehend stilsicher und ohne große Schnörkel, die Seiten fliegen dahin, die Kapitel sind kurz, die Spannungskurve bewegt sich im Sägemuster nach oben: Die einzelnen Herausforderungen sind wie einzelne Level eines Computerspiels, jedes ein bisschen schwerer als das vorhergehende. Tom und Hester meistern sie, dürfen sich kurz ausruhen und schon droht die nächste Gefahr.

Um für etwas Abwechslung zu sorgen, kommt die dritte Jugendliche ins Spiel: Katherine ist bereits in London und versucht dort, geheime Machenschaften aufzuklären. Neben diesen filmischen Perspektivenwechseln gibts auch ein paar Wechsel der Erzählzeit, die aber effektlos verpuffen und den Lesefluss eher stören.

Teil 1: Krieg der Städte

Tom und Katherine sind recht typische Figuren. Tom ist ein Underdog, ein klassischer Verlierer, der sich im Verlauf der Geschichte zum unfreiwilligen Helden mausert, Katherine ist eine naive angehörige der Oberschicht, die die Problematik der eigenen Existenz erkennt. Hester ist jetzt auch nicht revolutionär, aber mir gefällt, dass sie hässlich ist. Eine Narbe zieht sich durch ihr gesamtes Gesicht, sie ist auf einem Auge blind und hat keine Nase mehr. Scheinbar zu hässlich für den Film. Die Narbe verkommt hier zu einem etwas größeren Kratzer, der immerhin vom Kinn bis zu einem Ohr reicht.

Und dann wäre da noch Shrike, der wirklich interessant hätte werden können, den der Autor meines Erachtens aber nicht richtig unter Kontrolle gekriegt hat. Er ist halb Mensch, halb Roboter und sammelt zu Beginn der Geschichte Puppen und Figuren. Er wird zur gnadenlosen Killermaschine. Aus seiner Subgeschichte stammt der schönste Absatz des Buches:

„Seine Lieblingsstücke waren Frauen und Kinder: schöne Damen mit mottenzerfressenen Abendkleidern, hübsche Mädchen und Jungen mit Porzellangesichtern. Shrike verbrachte ganze Nächte damit, sie geduldig zu zerlegen und zu warten. Er erforschte die Mechanik ihrer Herzen, als hoffte er herauszufinden, wie sein eigenes funktionierte.“

Shrike spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte, leider ist seine gesamte Rolle ein einziger Plotfehler.

Achtung Spoiler!
  • Warum verfolgt Shrike Hester, nachdem sie sein Dorf verlassen hat und warum holt er sie nicht ein? Hester lässt sich bei ihrer Jagd auf London ja gezwungenermaßen viel Zeit. Bei seiner zweiten Verfolgung hat er keine Probleme, sie einzuholen.
  • Warum ist Shrike überhaupt nach London, bevor Hester dort aufgetaucht ist?

Daneben gibts noch ein paar weitere kleinere Fehler und Schwächen, etwa der an exakt zwei Stellen auftretende Humor, der so etwas deplatziert wirkt. Aber gut, schadet dem Buch kaum. Am Ende gibts ein bombastisches Finale, es sterben allerhand wichtige Figuren. Die Gewalt ist nicht übertrieben aber auch keineswegs zimperlich.

Teil 2: Jagd durchs Eis

Der zweite Teil knüpft einige Jahre später an. Hester und Tom waren in der Zwischenzeit als Lufthändler und Abenteurer unterwegs, zu Beginn des Buches nehmen sie Professor Pennyroyal auf, kurze Zeit später nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Rebellengruppe Grüner Sturm haben es auf das Luftschiff der Helden abgesehen, diese schlüpfen in Anchorage unter. Das Plotelement rund um den Grünen Sturm ist im Grunde eine Fortsetzung des ersten Teils, Anchorage ist neu. Um beide Elemente zu verknüpfen, gibts noch ein drittes größeres Plotelement.

Das Problem daran: keiner der drei Stränge ist wirklich zwingend, keiner kann das Buch alleine tragen. Genau wie Anchorage, steuert das ganze zweite Buch der Mortal-Engines-Reihe orientierungslos durchs Eis. Immerhin wird die Beziehung zwischen Tom und Hester gut weitererzählt, die von Alltagsprobleme auf die Probe gestellt wird. Der Konflikt ist unausweichlich, die Lösung etwas glücklich.

Und so ist das beherrschende Thema die Suche nach dem eigenen Weg. Was will ich? Wo will ich hin? Diese Fragen stellt sich fast jede Figur und zwar jeweils in einer Phase der Orientierungslosigkeit. Eine Antwort findet in Jagd durchs Eis nur, wer sich von alten Fesseln löst. Bei Tom und Hester ist das besonders spannend. Tom weiß beispielsweise noch nicht einmal, auf welches Fundament er bauen soll: Seine Zeit in London? Das gemeinsame Leben mit Hester? Die Antwort ist metaphyisch, ich will sie nicht spoilern und ohnehin wird sie gar nicht endgültig gegeben.

Kurze Warnung: Das Buch ist stellenweise wieder sehr brutal. Zwar nicht explizit, dafür wird nichtmal auf Frauen oder Kinder Rücksicht genommen. Nicht ganz ohne.

Teil 3: Der Grüne Sturm

Inzwischen sind Tom und Hester Eltern geworden und leben als Familie in Anchorage, ruhig und abgeschottet irgendwo in Amerika, den verlorengeglaubten Kontinent. Das Leben ist furchtbar langweilig und so legt sich die Teeniegöre Wren mit ihrer Mutter an, um überhaupt mal was zu erleben. Das ist schon ziemlich stark. Die jugendlichen Helden der ersten Bände sind nun selbst Eltern und müssen einen Generationenkonflikt aushalten, der das ganze Buch über schwelt.

Wren wird recht bald nach der unglücklichen Verkettung einiger Zufälle rund um ein geheimnisvolles Buch aus der Bibliothek Anchorages von den verlorenen Jungs entführt. Das gute daran: Im Gegensatz zu Band 2 sind die Ziele der Figuren glasklar: Wren will entkommen, Hester und Tom ihre Tochter finden. Schade ist dabei allerdings, dass sich die Figuren 0,0 weiterentickelt haben. Im Gegenteil. Sowohl Tom als auch Hester sind eher wieder am Anfang des ersten Teils angelangt. Bei Wren tut sich wenig, was daran liegt, dass ihr generell die Tiefe fehlt. Sie wird – jetzt da sie weitgehend auf sich allein gestellt ist – halt etwas aktiver und übernimmt ansatzweise Verantwortung. Das wars.

Caul gefällt mir ganz und gar nicht. Die Liebesgeschichte zwischen ihm und Freya hätte interessant sein können, liegt aber zwischen Band zwei und drei verborgen. Nun scheint er zum Greis geworden zu sein, dürfte aber maximal anfang oder mitte 30 sein. Er wird sehr wichtig für die Handlung, doch seine Entscheidung finde ich komplett unglaubwürdig.

Achtung Spoiler!
Er entscheidet sich für ein Leben bei Hester und Tom und verräht sie und ihre Tochter im entscheidenden Moment? Nur um kurze Zeit später doch wieder nach Anchorage zurückzukehren? Warum stellt er sich auf die Seite des Mannes, der ihn quälte und ermorden wollte? Warum ist er bereit, ihn erst bis an sein Lebensende zu pflegen? Sowas machen die meisten Menschen nicht, die eine normale bis gute Beziehung zu ihren Eltern haben. Und Caul macht das, obwohl es seinen eigenen Tod bedeutet? Für einen Mann, den er etwa 18 Jahre nicht gesehen hat? Der ihn umbringen wollte? Vor dem er hasserfüllt geflogen ist? Ich glaube, diese Passage dient nur dazu, dem Buch eine weitere Windung zu verschaffen. Sowas nervt.

Auch Hester nervt mich. Sie ist die egoistische Kratzbürste vom Beginn der Geschichte. Furchtbar, wie sie mit mit Fishcake und vor allem ihrer Tochter umgeht, insbesondere am Ende des Buches. Schon klar, sie liebt Tom und Tom allein und bringt Opfer für ihn und eigentlich will sie mit ihm allein und ohne weitere Menschen um die Welt fliegen. Aber diese Liebe ist so destruktiv, dass ich sie ihr und dem Autor nicht abnehme.

Noch was: Auch Boo-Boos Verhalten finde ich unglaubwürdig. Einerseits versucht sie alles, um Techtelmechtel zwischen ihren Sklaven zu vermeiden, weil die – angetrieben von romantischer Energie – dann fliehen würden. Hm, meinetwegen. Aber dann verhält sie sich exakt gegenläufig und will zwei ihrer Sklaven verkuppeln und noch dazu beim fliehen helfen. Hä?

Der Grüne Sturm ist etwas stringenter geschrieben und hat dadurch ein sehr angenehmes Tempo. Die Geschichte rund um den Grünen Sturm selbst finde ich gut, da gibts auch eine überraschende Wendung. Aber es reicht halt nicht. Insgesamt für mich bisher der schwächste Teil der Buchreihe.

Teil 4: Die verlorene Stadt

Im vierten Band bringt Philipp Reeves seine Mortal-Engines-Reihe zu einem Ende. Und zwar zu einem ziemlich gutem Ende. Trotz gewisser Anlaufschwierigkeiten findet er ins Buch rein und steigert sich dann zu einem actionreichen, dramatischen und nachdenklichen Ende.

Bisweilen wirkt Die verlorene Stadt wie das Werk eines Historikers, dem man gesagt hat, er muss ein paar Figuren einbauen, damit sich der Leser besser mit dem Geschehen identifizieren kann. Der Grüne Sturm und die Traktionsstädte befinden sich in einer Pattsituation, die an die Gräben von Verdun erinnert. Auf beiden Seiten gibts Hardliner und gemäßigte Politiker. Es gibt Friedensverhandlungen und als dritte Partei die festen Städte Afrikas.

General Naga, Lady Naga und evtl. Stalker Fang, die allesamt aus den vorherigen Büchern bekannt sind, würden sich als Figuren dieser Geschichte anbieten, aber natürlich muss Reeve die Geschichte von Tom und Hester fertigerzählen. Die beiden stolpern also irgendwie in dieses politische Geschehen hinein, sie stolpern übereinander und über allerhand weitere Figuren. Das wirkt gerade zu Beginn des Buches schon sehr konstruiert und auch nicht immer glaubwürdig. Etwa, wenn Tom und seine Tochter Nachforschungen zu einer Lufthändlerin unternehmen, nur weil diese ihn entfernt an jemanden erinnert, den er möglicherweise aus London kannte.

Auch das Attentat auf Lady Naga wirkt nicht sehr durchdacht und liest sich wie eine Mischung aus James Bond und Stirb Langsam. Sprich: übertriebene und unglaubwürdige Action. Wenn man da als Leser durch ist, hält einen aber nichts mehr ab auf auf dem Weg zum spektakulären und dramatischen Ende. Es passiert so viel. Und obwohl es sich bei der verlorenen Stadt um den dicksten Band handelt, bleibt da für Figurenentwicklung kein Platz. Das war freilich schon eine Schwäche der vorhergehenden Bände.

Bei Hester und Wren gibts gewisse zaghafte Entwicklungen, das wars. Tom bleibt Tom und alle anderen bleiben sich auch weitgehend treu, wenn man mal von Stalker Fangs Schizophrenie absieht. Fishcake hätte sich eigentlich vortrefflich geeignet für ein intensives Porträt in diesem letzten Mortal-Engines-Band, aber die entscheidenden Dinge spielen sich bei ihm erst nach der eigentlichen Geschichte ab. Dennoch ist gerade seine Geschichte und die des Stalker Fangs meines Erachtens der beste Geschichtsstrang der Bände zwei bis vier. Toll, wie nahezu griechisch-klassisch dramatisch und unausweichlich sich die Geschichte entwickelt. Wie er sich nach Liebe und Zuneigung sehnt, wie er immer wieder enttäuscht wird und am Ende seinen Anteil am Ausgang der Geschichte hat.

Überhaupt: kitschig ist da wenig. Reeve mutet seinen Figuren und den Lesern, die mit ihnen sympathisieren einiges zu. Und am Ende vollbringt er das Kunststück eines irgendwie versöhnlichen, hoffnungsvollen Endes – aber ohne Happy End. Ich gehe es gerne im Kopf durch, einfach weil es emotional so viel bietet.

Die Schlussaussage ist die des nichtigen menschlichen Leides in Anbetracht der Größe der Geschichte und der unheimlichen Macht der Zeit. Es erinnert mich außerdem ein wenig an die Matrix, einer anderen, etwas philosophischeren Zukunftsvision über dem Kampf des Menschen gegen die Technik und den Untergang der Welt.

Wie die Wachovsky-Brüder und so viele andere kommt auch Reeve zwischenzeitlich zur Erkenntnis:

„Wenn es wirklich darum geht, die Erde zu beschützen, müssen wir die Menschheit auslöschen.“

Aber so richtig will so eine Aussage immer keiner stehenlassen, auch Reeve nicht und so bietet er einige Gedanken darüberhinaus an.

Amüsiert haben mich die Namen der deutschen Traktionsstädte. Da gibts zum Beispiel den Walter Moers Platz oder die Straße über den Linden. Reeve experimentiert ein wenig mit Textgattungen und während die drei ersten Bände recht klar und stringent aus einer personalen Perspektive erzählt wurden, gibts jetzt plötzlich Tagebucheinträge, Briefe und die direkte Ansprache des Lesers. Hätte jetzt eher nicht erwartet, dass Reeve experimentieren muss, vor allem nicht mit so trivialen Techniken, aber irgendwie schien er einen Drang nach Abwechslung zu verspüren. Hat dem Buch nicht gut getan, auch nicht sonderlich geschadet, aber mich dennoch etwas irritiert.

Macht nix, dennoch ein wirklich schöner Abschluss einer guten aber keineswegs überragenden Buchreihe.

Philip Reeve // Mortal Engines
Band 1-4, deutschsprachige Ausgabe 2018, 2019 // 2001, 2003, 2006
Fischer Tor // Scholastic Ltd.
1648 Seiten

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