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Phrasendrescher und Wiederholungskünstler Wortwiederholungen in Texten

Ein guter Text kommt nicht ohne Wortwiederholungen aus. Er vermeidet sie aber, sofern sie unnötig sind. Wo genau liegt die Grenze? Und was kann man als Autor tun, um die Grenze exakt zu ziehen und unnötige Wortwiederholungen zu vermeiden?

Ich finde es furchtbar, wenn sich Autoren ständig wiederholen. Ganz egal, ob das einzelne Lieblingswörter sind, Phrasen oder ganze Lieblingshandlungen wie etwa bei Rosamunde Pilcher. Es ist langweilig und unglaubwürdig, wenn Figuren ständig erröten, wenn ständig jemand quasselt oder grunzt, wenn Figuren ständig Vollbremsungen machen oder sich nach einem ganz bestimmten Schema verhalten. Andererseits ist es manchmal noch schlimmer, wenn ein Autor nur so tut, als habe er einen großen Wortschatz.

Guter Stil und Wortwiederholungen

Das heißt: sowohl zu viele als auch zu wenige Wortwiederholungen können einen Text schlechter machen. Die Frage ist, wann ein Wort und wann eine Wiederholung notwendig sind. Hier können wir uns an die Grundsätze guten Stils halten, die besagen, dass es für alles, was man ausdrücken möchte, ein Wort oder eine Phrase gibt, die das, was ausgedrückt werden soll, besser beschreibt, als alle anderen Wörter und Phrasen.

Eine Lokomotive ist nun einmal eine Lokomotive und kein Dampfross. In einem Text über Lokomotiven wird dieses Wort häufiger vorkommen. Es gegen Dampfross auszutauschen, wäre schlechter Stil. Dennoch ermüdet es den Leser, ständig das Wort Lokomotive lesen zu müssen. Der Autor muss den Sachverhalt oder die Geschichte deswegen so schildern, dass er das Wort möglichst selten gebrauchen muss, ohne auf unpassende Synonyme zurückzugreifen.

Konkret: Vermeidung von Wiederholungen

Das größte Problem mit Wiederholungen: Beim Schreibprozess bleiben sie häufig unbemerkt. Selbst dann, wenn sie einem neutralen Leser auffallen wie bunte Leuchtreklame in der Dunkelheit. Manche Schreibprojekte sind etwas umfangreicher, den gesamten Text mit allen verwendeten Wörtern und Phrasen im Auge zu behalten ist nahezu unmöglich. Unter anderem deswegen bin ich ein Verfechter davon, einfach drauflos zu schreiben und später sorgfältig zu überarbeiten. Und deswegen habe ich keine Tipps, wie man beim Schreiben unnötige Wiederholungen vermeidet, sondern nur, wie man sie beim Überarbeiten findet und ausmerzt.

Search & Destroy

Ein einfache Möglichkeit ist, immer dann, wenn man beim Überarbeiten eine außergewöhnliche Formulierung, ein ungewöhnliches Wort oder eine besonders tolle Phrase findet, diese per strg+f im gesamten Dokument zu suchen. Sodann jede gefundene Stelle zu prüfen, ob der gewählte Ausdruck wirklich sein muss. Gerade bei Phrasen trifft das eher selten zu.

Etwas aufwendiger wäre es, entsprechende Wörter und Phrasen zu notieren und Buch darüber zu führen. Das ist vor allem dann hilfreich, wenn längere Passagen komplett neu geschrieben werden müssen. Diese Variante kann natürlich schon beim Schreiben begonnen werden, stört den Schreibfluss aber gewaltig.

Wörter zählen lassen

Etwas aufwändiger ist folgende Vorgehensweise: Mithilfe eines Tools die Worte eines Textes zählen. Word kann nur die Gesamtzahl aller verwendeten Worte zählen. Autorenprogramme wie Papyrus können auch zählen, wie oft man beispielsweise und verwendet hat. Das gleiche erledigt das Online-Tool www.woerter-zaehlen.de kostenlos. Zu Beginn der Wörterliste muss man sich durch die vielen kurzen Worte der deutschen Sprache kämpfen, etwas später findet man vielleicht ein paar Auffälligkeiten. Dieser Text verwendet beispielsweise das Wort Wiederholung 20 Mal. Nun, das ist das zentrale Thema. Das Wörtchen man kommt 15 Mal vor. Da könnte ich was drehen. Man-Formulierungen sind nicht die allerhübschesten.

Bei Texten in Romanlänge kommen da möglicherweise tausende Wörter zusammen. Der Aufwand, die komplette Liste durchzugehen, ist also sehr groß. Aber dennoch lohnt es sich, an den Standardwörtern vorbei zu scrollen und dann einen groben Blick auf Wortwiederholungen zu werfen. Eine Alternative wäre es, Kapitelweise vorzugehen.

Suchen mit dem Duden

Einfachere Wortwiederholungen findet man beispielsweise mit dem Duden Mentor. Der Mentor zeigt Wiederholungen zumindest dann an, wenn die Worte nah beieinander stehen. Das betrifft auch Wörter aus dem gleichen Stamm. Der Mentor bietet in der kostenlosen Variante einen eingeschränkten Nutzungsumfang, ist für die Überarbeitung langer Texte kaum geeignet.

Testleser engagieren

Testlesern fallen Wiederholungen leichter auf, weil sie anders als der Autor noch nicht blind für seine Sprache sind. Insbesondere, wenn man sie instruiert, besonders auf Wiederholungen zu achten.

Text in anderer Schriftart lesen

Bei der Überarbeitung eigener Texte ist es generell eine gute Idee, Texte in anderen Schriftarten zu lesen. Das hilft, die Blindheit für die eigene Sprache zu überwinden – und dadurch eben auch, eine höhere Sensibilität für Wortwiederholungen zu erlangen.

Und dann: umformulieren

Was tun mit unnötigen Wiederholungen? Umformulieren! Heißer Tipp, ich weiß. Manchmal reicht ein neues Wort, oft muss ein ganz neuer Satz her. Ein Thesaurus oder die Synonymsuche im Internet können zur Not hilfreich sein, ich empfehle aber, nur solche Worte einzusetzen, die sich zumindest im passiven Wortschatz befinden und deren Bedeutungen dem Autor klar sind.

Foto: Jonah Pettrich / Unsplash

Prophylaxe: Wortschatz erweitern

Noch ein Tipp, der eher prophylaktisch zu verstehen ist: Wortschatz erweitern, viel lesen. Insbesondere Bücher mit feinem Stil, nicht unbedingt Bestseller. Eher Belletristik ohne Stilexperimente. Auch aus manchen populärwissenschaftlichen Sachbüchern kann man guten Stil lernen. Als Einstieg empfehle ich den absoluten Klassiker Deutsche Stilkunst von Eduard Engel.

Im Übrigen würde ich generell empfehlen, möglichst viele gedruckte Bücher zu lesen. Tatsächlich sind die Prozesse im Hirn beim Lesen eines gedruckten Buches andere als beim elektronischen Buch. Um sein kritisches Denken, Konzentrationsfähigkeit und auch die Sprache zu trainieren, eigenen sich gedruckte Bücher besser. Mehr dazu in Maryanne Wolfs Schnelles Lesen, langsames Lesen.

Ich habe den Newsletter von neueswort.de abonniert. Ab und zu sind Wörter dabei, die ich tatsächlich nicht kenne, viele andere sind nicht in meinem aktiven Wortschatz und bei einigen Wörtern ist es gut, sich die genaue Bedeutung erneut ins Hirn zu rufen.

Wiederholungen nicht mit aller Gewalt verhindern

Wiederholungen sind zwangsläufig. Insbesondere bei jenen Worten, die sehr exakt und ohne die Gefahr von Missverständnissen Bedeutung transportieren. Wer seine Sprache verkünstelt, um Wiederholungen zwanghaft zu vermeiden, macht den Text unlesbar.

Sagen wäre so ein einfaches Wort. In den allermeisten Fällen sagen Menschen Dinge. Sie schreien sie nicht, rülpsen sie nicht, grummeln sie nicht, vermuten sie nicht, schmunzeln sie nicht, lachen sie nicht, weinen sie nicht. Wer die Wiederholung des Wortes sagen vermeiden möchte, sollte keine unpassenden Nicht-Synonyme verwenden, sondern aufpassen, dass das Gesagte und wie sich eine Person beim Sprechen verhält, bereits über den Kontext transportiert wird.

Wer diese Art Dialog trainieren möchte, sollte sich ein paar Texte klassischer Theaterstücke zulegen und die Dialoge nachzuahmen. Shakespeare kommentierte nur ganz selten, wie sich eine Person fühlt oder wie sie sich verhält. Aus dem, was die Person sagt, wird das dennoch erkennbar.

Auch bei Personen und Figuren sind Wiederholungen zwangsläufig – und notwendig. Personenbeschreibungen bitte unterlassen: der Blondhaarige, der Engländer, die Anwältin usw. taugen nicht als Synonyme für den Namen einer Figur. Niemand denkt und spricht so – es sei denn, die beschriebene Person ist unbekannt. Aus dem Fremden wird dennoch nur dann ein Müllmann, wenn er eine entsprechende Tätigkeit gerade ausführt.

Wiederholungen gezielt einsetzen

Im Dienste des guten Stils können Wiederholungen durchaus vorkommen. Dieses Stilmittel nennt man Repetitio. Als Repetitio können Wiederholungen lautmalerische und inhaltliche Funktionen erfüllen.

Die Musik verwendet Wiederholungen wie Melodiemotive oder Kehrverse, der Film setzt Wiederholungen ein, etwa wiederkehrende Motive in der Filmmusik (Im weißen Hai wird dem Zuschauer die Anwesenheit des Killers verraten, die Figuren ahnen noch nichts davon). Auch im Computerspiel sind Wiederholungen ein entscheidendes Element, um die Lernkurve des Spielers machbar zu gestalten.

Besonders charakteristisch ist der Einsatz dieses Stilmittels im Märchen, wo beispielsweise ähnliche Ereignisse durch die exakt gleiche Wortfolge gekennzeichnet werden. Im Roman können Wiederholungen Personen markieren, etwas durch charakteristisches Vokabular. Soll eine eigene Sprache entwickelt werden, muss auch hier die Lernkurve des Lesern beachtet werden (siehe zum Beispiel Bücher von Ze do Rock oder Clockwork Orange). Statt der Filmmusik können bestimmte Wortfolgen zur Markierung bestimmter Handlungsmuster beitragen, auch wenn es je nach Erzählperspektive schwierig ist, dem Leser etwas mitzuteilen, was die Figur nicht weiß.

Foto ganz oben von chuttersnap auf Unsplash

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