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Rabindranath Tagore // Gitanjali

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Tagore war der erste Autor außerhalb Europas, der den Literaturnobelpreis erhielt. Das allein ist ein Grund, sein Buch Gitanjali zu lesen. Das erste Werk, das er auf englisch verfasste.

  • Darum lesen: spirituelle Prosa eines bedeutenden Intellektuellen, wichtiges aber recht unbekanntes Werk der Literaturgeschichte
  • Darum nicht lesen: thematisch recht eintönig

Den Gedichtband Gitanjali gibt es auch auf bengalisch. Dieses Werk hat allerdings wenig mit dem englischsprachigen Gitanjali zu tun. Tagore übersetzte eine Auswahl seiner Gedichte und Lieder selbst ins englische, wechselte dabei von lyrischen in prosaische Textformen. Was dabei herauskam, sind recht poetische, kurze Texte, denen man ihre Vergangenheit als Gedichte durchaus anmerkt. W.B. Yeats war dermaßen begeistert von diesem Werk und seinem Autor, dass er die Veröffentlichung vorantrieb.

In dem Büchlein sind etwa 100 Texte, fast alle spirituell angehaucht. Da ist es kein Wunder, dass er in Europa als „mystischer Heiliger aus dem Osten“ rezipiert wurde. Die Texte richten sich fast alle an ein nicht genau beschriebenes Gegenüber, ein Freund, ein Liebhaber, ein Schöpferwesen. Die Dialoge sind eigentlich gar keine, denn die Aussagen, Fragen, Klagen und Bitten bleiben unbeantwortet. Es geht um Demut, Sehnsucht, Hingabe und grenzt bisweilen an Kitsch.

„Alles, was in meinem Leben rau und misstönig ist, zerschmilzt zu zarter harmonie – und meine Anbetung breitet ihre Schwingen aus wie ein beseeltert Vogel auf seinem Flug übers Meer.“

In vielen Texten erscheint das Gegenüber als göttliches Wesen, dessen Zuneigung man sich erkaufen muss, oder für die man zumindest etwas leisten muss. Trotz alle Liebe und Gnade, die da zwischen den Zeilen schwingt, ist das Gegenüber unerreichbar, erhaben, die Sehnsucht wird zumindest nicht nachhaltig befriedigt.

„Lass dies Singen heiliger LIeder und das Geklapper muit dem Rosenkranz! Wen betest du an in diesem öden, dunklen Winkel eines Tempels, dessen Tore verschlossen sind? Öffne die Augen und siehe: Dein Gott ist nicht bei dir!“

Leider habe ich mir eine Überstzung ins Deutsche gekauft. Keine Ahnung, warum. Die englischen Texte wären vielleicht noch etwas näher dran am Original gewesen. Abgesehen von der deutschen Übersetzung gefallen mir an dieser Ausgabe weitere Dinge nicht. Etwa das unklare Layout ohne richtige Regeln. Meistens hat jeder Text eine Seite. Längere Texte ziehen sich natürlich über weitere Seiten. Auf halben Seiten fängt manchmal ein neues Gedicht an, manchmal nicht.

Hier noch zwei kleine Ausschnitte:

„Der Wanderer muss an jede fremde Tür klopfen, um an die seine zu gelangen, und du msst durch die gesamte äußere Welt streifen, um zuletzt den Schrein im Herzen zu erreichen.“

Rabindranath Tagore // Gitanjali
1. Auflage, 2013 // 1913
Anaconda // Macmillan
124 Seiten

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