Salman Rushdie, die Satanischen Verse, Engel
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Salman Rushdie // Die Satanischen Verse

Was für ein Buch. Historisch und schriftstellerisch. Wuchtig und vielseitig. Und dennoch schlief ich streckenweise beim Lesen fast ein.

  • Darum lesen: Klassiker, gewaltig, vielfältige Themen
  • Darum nicht lesen: plätschert teilweise ziellos dahin

Das erste Mal las ich über Salman Rushdie in einem Literaturkalender. Jahre später standen zwei seiner Bücher in offenen Bücherschränken vor meiner Nase. Erst jetzt, im Zuge meiner #ReadAroundTheWorld Challenge, las ich endlich die Satanischen Verse. Ein Erlebnis, viel zum Nachdenken, keine platten Aussagen, interessanter Stil. Ein wuchtiges, unheimliche gehaltvolles Buch. Aber sicherlich keine Unterhaltungsliteratur und auch nicht immer einfach zu lesen.

Die Geschichte

Es beginnt damit, dass die zwei Hauptcharaktere, Saladin Chamcha und Gibril Farishta vom Himmel stürzen und bei der Gelegenheit einen Gesangswettbewerb veranstalten. Klingt erstmal abgedreht. Ich fands trotzdem komplett langweilig und beinahe hätte ich direkt aufgegeben. Hätte das nicht gegen meine Prinzipien verstoßen, jedem Buch, das ich anfange, bis zur letzten Seite immer wieder neue Chancen zu geben.

Ganz so abgedreht gehts nicht weiter. Sogar erstaunlich normal für ein Buch, in dem einem Menschen zwei Hörner, ein Pelz Ziegenhufe und ein langer Schwanz wachsen. Doch teilweise ist das richtigehend weltlich. Etwa, als Chamcha, bereits mitten in der Verwandlung zum Teufel von der Polizei eufgegriffen wird und sich brutaler, demütigender, rassistischer Behandlung ausgesetzt sieht.

Salman Rushdie schreibt seine abgedrehte Geschichte mit einer absoluten Ernsthaftigkeit, als glaube er selbst an die Wahrhaftigkeit dessen, was er da erzählt. Doch an einigen Stellen macht er eine Pause, gibt dem gebannten Zuhörer eine Pause und wendet sich mit einem Kommentar direkt an ihn.

„Beobachten wir zunächst, wie isoliert dieser Saladin ist; sein einzig williger Begleiter ist eine trunkene kartographisch bebuste Fremde, und er kämpft sich allein durch die festende Menge, in der jeder mit jedem befreundet zu sein scheint“

Die Themen

Gibril Farishta und Saladin Chamcha kämpfen sich also in ihrer jeweils neuen Gestalt durch London und mit ihren ganz eigenen Problemen herum. Dabei gehts um Rassismus, Sexismus, um die Unterhaltungsindustrie, um Liebe, Freundschaft und Treue, um Vergebung und um Dinge, die man einander nicht verzeihen kann. Es geht ganz besonders um Migration und die Frage, was Heimat ist. Chamcha und Farishta kreisen umeinander, spiegeln sich gegenseitig, widersprechen sich, ergänzen sich. Sie knüpfen auf diese Weise ein Seil, das immer stärker wird und sich irgendwann nicht mehr entwirren lässt. Am Ende tauschen der heimattreue Farishta und der heimatflüchtige Chamcha gewissermaßen die Seiten.

Religionskritik …

Und dann ist da noch die Religionskritik.

Es beginnt mit dem Namen des Buches: Die Satanischen Verse. Diesen Begriff gibt es wirklich und beziehen sich auf eine Episode, in der Mohammed den damals polytheistischen Mekkanern zu drei ihrer Göttinnen zu beten. Später nahm er diese Erlaubnis zurück. Genau dieses Ereignis findet sich auch im Buch wieder. Allerdings ist es nicht Mohammed, der zu den Mekkanern spricht, sondern Mahound (ein Name, der auch als Verunglimpfung Mohammeds verwendet wird) zu den Jahilianern. Mahounds Erklärung: Nicht der Erzengel Gabriel, bzw. der zum Engel gewordene Farishta habe ihm diese Verse eingeflüstert, sondern der Teufel.

Rushdie bietet aber noch eine andere Möglichkeit an, denn Farishta ist ja gar kein Teufel. Das ist Chamcha und der flüstert Farishta einige Verse ein – mit dramatischen Folgen. Während die auch außerhalb des Buches bekannten satanischen Verse folgenlos bleiben.

Es gibt noch eine Vielzahl weiterer Bezüge zum Islam. Die Religion, die Mahound gründet, heißt zwar nicht Islam – dafür aber Unterwerfung. Mahound stellt strenge Regeln auf, fordert absoluten Gehorsam und unterdrückt Frauen. Das allein wäre allerdings nur eine Anspielung, eine Darstellung. Doch da gibt es diesen Salman, Schreiber und Anhänger Mahound, der Zweifel an der Göttlichkeit dessen bekommt, was er da miterlebt.

„Als nächstes fiel Salman auf, wie nützlich und zeitlich klug abgestimmt die Offenbarungen des Engels zumeist waren. Wenn die Gläubigen über Mahounds Ansichten zu egal welchem Thema diskutierten, von der Möglichkeit der Reisen im Weltall bis hin zur Frage, ob die Hölle ewig sei, tauchte sofort der Engel mit einer Antwort auf, und immer schlug er sich auf die Seite Mahounds.“

Salman beginnt, Mahound zu testen und tauscht einzelne Wörter aus, später immer mehr. Er verfälscht die Verse und macht dadurch im Grunde die gesamte Aufzeichnung satanisch – die dritte Lesart des Titels. Mahound merkt den Betrug erst sehr spät. Mahounds Religion wird als geniales, gut getimtes und inszeniertes Spiel geschildert, dass seiner zentralen Figur in erster Linie Reichtum und Macht bringen soll – und todbringende Folgen hat.

Die Satanischen Verse ist episodenhaft geschrieben. Neben den beiden Hauptdarstellern Chamcha und Farishta, die nur einen Bruchteil des Buches gemeinsam auftreten und deren Geschichte im Wechsel geschrieben wird, schildert Rushdie wie bereits angedeutet mehrere Episoden aus dem Leben Mahounds. Dazu kommt ein kurzer Auschnitt aus dem Laben eines exilanten Imams – eine Anspielung auf Ruhollah Chomeini, Iranisches Staatsoberhaupt, der dann auch recht ungehalten auf Rushdies Werk reagierte. Dazu gleich mehr. Außerdem erzählt Rushdie die Geschichte einer indisch-muslimischen Pilgergemeinschaft, die sich einer Prophetin anschließen, um zu Fuß durch Indien und durch das arabische Meer nach Mekka zu pilgern. Ja Mekka. Nicht Jahilia. Es gibt im Buch also sowohl den Islam als auch die Unterdrückung.

Diese Pilgergeschichte macht die gesamte Religionskritik greifbar. Diese Menschengruppe, die geblendet in den eigenen Tod läuft. Gleichzeitig bietet diese Episode aber auch etwas Versöhnliches. Denn sie endet zwar dramatisch, doch gibt sie den Gläubigen ausreichend Platz und lässt zwei Lesweisen zu: Das, woran diese Menschen glaubten, könnte nämlich tatsächlich wahr sein. Und: Fanatikern ist nie und nimmer beizukommen, denn im Zweifel ist ihr Glaube stärker als jede andere Wahrnehmung. Alles, was passiert, findet letztendlich einen Platz in der Realität des Gläubigen und bestätigt diese.

… und ihre Folgen

Als Reaktion auf die Satanischen Verse rief der porträtierte Chomeini eine Fatwa aus, die mit einem Kopfgeld auf Salman Rushdie verbunden war. Zwar wiedersprachen eigentlich alle anderen islamischen Größen – nicht aber, weil diese Fatwa inhaltlich falsch sei – sondern eher aufgrund formaler Schwächen. So müsse Rushdie zunächst ein Prozess gemacht werden und ohnehin sei das Islamische Recht nur innerhalb des Islam anwendbar. Dennoch besteht diese Fatwa auch heute noch. Das Kopfgeld liegt inzwischen bei fast 4 Millionen Dollar.

Nicht nur Salman Rushdie ist im Fokus, sondern auch Verleger und Übersetzer. Diverse Anschläge wurden verübt, bei einem von ihnen der japanische Übersetzer Hitoshi Igarashi ermordet.

Allein diese Zusammenhänge machen die Satanischen Verse zu einem wichtigen Buch, die ganau das belegen, wovor Rushdie in seinem Buch warnt: die Schädlichkeit von Religion, insbesondere von fanatischen Anhängern.

Am Ende steht bei aller Religionskritik ein ganz anderer Gedanke: Die Versöhnung eines Schauspielers mit seinem Heimatland.

Salman Rushdie // Die Satanischen Verse
3. Taschenbuchauflage 2007, 1990 // 1988
Rowohlt // Random House
707 Seiten

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