viele alte Wecker
schreiben

Schreibblockade überwinden: 10 Minuten schreiben

Es gibt da eine großartige Übung. Nicht nur für Schreibblockaden. Auch so. Keine andere Übung habe ich schon so oft und in so unterschiedlichen Situationen empfohlen. Jeder kann sie umsetzen, man braucht kaum Hilfsmaterial dafür. Ich sagte ja: großartig. 🙂

How to: 10 Minuten schreiben

Die Übung ist supersimpel: Zehn Minuten lang schreiben. Aber ohne abzusetzen oder das Geschriebene zu korrigieren. Rechtschreibung: wurscht. Grammatik: wurscht. Lesbarkeit: wurscht. Gedanken dürfen, aber müssen nicht abgeschlossen werden. Satzzeichen sind erlaubt, aber kein Zwang. Wortneuschöpfungen, dadaistisches Gestammel: absolut, bitte gerne.

Die Übung am besten jeden Tag ausführen, zum Beispiel gleich nach dem Aufstehen oder aber zu Beginn der Schreibzeit. Würde empfehlen, die Übung nur dann am Computer zu machen, wenn man relativ sicher und schnell schreiben kann. Und wenn man es schafft, den üblichen Korrekturrerflex bei kleinen Tippfehlern zu unterdrücken. Ansonsten lieber per Hand. Dann Wecker stellen und den Stift nicht absetzen, bevor nach zehn Minuten der erlösende Ton erklingt.

Selbsttherapie: wie ich die Übung einsetze

Ich habe die Übung in einer Schreibgruppe kennengelernt. Sie ist auf jedenfall gewöhnungsbedürftig. Habe sie in den vergangenen Jahren aber immer wieder angewendet, zu ganz unterschiedlichen Zwecken.

  • Etwa in Phasen der Traurigkeit. Mir fällt es dann oft schwer, Gedanken zu formulieren. Mein innerer Lektor ist dann besonders mächtig in mir. Dabei tut es so gut, Gedanken einfach rauszuhauen.
  • Ich wende die Übung an, wenn mir Struktur im Alltag fehlt. Keine Ahnung, was genau sie da bewirkt, aber immerhin ist allein diese Übung ein kleines bisschen Struktur.
  • Und, wenn ich von der Flut der Gedanken oder von Sinneseindrücken überwältigt bin. Klar ist es dann vielleicht auch hilfreich, seine Gedanken wohlgeordnet zu Papier zu bringen. Kann man ja anschließend immer noch. Aber diese Übung ist, als würde ich den Stöpsel ziehen, und das Wasser strömt durch den Abfluss. Übrig bleiben blos große, schwere und gehaltvolle Brocken.

Schreibtraining: weitere Einsatzgebiete

Diese drei Einsatzgebiete sind natürlich nicht die klassischen. Die Übung gibt es zu ganz anderen Zwecken:

  • Insbesondere, um sich ans Schreiben zu gewöhnen. Gerade wer Schreiben als Hobby betreibt oder noch nicht so viel Erfahrung hat, kann davon profitieren. Körper und Hirn gewöhnen sich an den Prozess des Schreibens, ohne das dabei schon großartige Werke produziert werden müssten.
  • Deswegen hilft die Übung auch dabei, Blockaden loszuwerden. Egal, ob diese kreativer Natur sind oder ober der innere Zensor und Lektor zu stark ist. Es ist eine gute Idee, einfach mal zu schreiben. Einfach machen. Anschließend kann man einen Text immer noch ein zweites Mal besser schreiben oder den ersten Text zumindest überarbeiten. Hauptsache, man produziert erstmal. Und auch an diesen Gedanken muss man sich gewöhnen.
  • Eng damit zusammen hängt die Angst vor dem ersten Satz. Wer die 10-Minuten-Schreibübung ausführt, trainiert, einfasch loszuschreiben. Ob er der erste Satz, den man geschrieben hat, tatsächlich der erste Satz eines Absatzes, eines Kapitels, eines Textes wird, ist ja eine ganz andere Frage, die man später noch beantworten kann.
  • Die Übung hilft auch dabei, sich auf ein bestimmtes Thema zu fokussieren. Nicht weil, es sinnvoll wäre, diese Übung mit thematischem Bezug auszuführen. Nein, weil man so die Chance hat, auch den letzten Quatsch, der sich in irgendwelchen HIrnwindungen festgesetzt hat, mal auszuformulieren. Selbst, wenn es sich dabei um ein „Bwaaaaah, Gnagnabrabbeldablubb“ handelt.

Warum die Übung funktioniert

Der Mensch ist ein Gewohnheitswesen. Durch die 10-Minuten-Schreibübung gewöhnt man das Gehirn auf ganz einfache Weise an den Schreibprozess. Sie ist deswegen so gut geeignet, weil es beim Training vor allem darauf ankommt, eine bestimmte Übung immer und immer wieder auszuführen. Natürlich ist der Effekt ähnlich, wenn man total sinnvolle Dinge schreibt. Aber das ist halt auch viel anstrengender. Plus der Nebeneffekt: man trainiert das Hirn auch darauf, nicht erst auf die perfekte Formulierung zu warten.

Keine Sorge übrigens: Den inneren Lektor vertreibt man durch die Übung nicht. Er verliert nur an Macht – und freut sich umso mehr, wenn er später, beim Überarbeiten, endlich wieder an den Text darf.

Tatsächlich ist Schreiben eine Methode, die auch Psychologen anwenden. Gut, nicht zwangsläufig die Methode, über die ich hier beschreibe. Jordan Peterson hat beispielsweise das Self Authoring Programm. Therapie übers Internet, indem die Patienten über ihr Leben schreiben. Die 10 Minuten sind insofern ebenfalls eine Therapie, weil man dadurch einmal am Tag alles einfach hinkotzen kann. Nix strukturieren, nix zensieren, alles einfach raus.

10 Minuten Tagebuch

Ein letzter Tipp noch: Die sicherlich furchtbaren Texte am besten als Tagebuch aufheben. Also mit Datumsangabe. Im Rückblick wirst du interessante Dinge über dich lernen. und es wird interessant sein, wie sich dein Texte über die Zeit hinweg verbessern. Und zwar nicht nur die 10-Minuten-Texte, sondern deine Schreibe generell.

Viel Spaß dabei.

Photo by Ahmad Ossayli on Unsplash

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