Das Kind in dir muss Heimat finden, Sonnenstrahlen
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Stefanie Stahl // Das Kind in dir muss Heimat finden

Hat ja jeder so seine Problemchen. Nicht gleich ein ausgewachsenes Trauma, aber doch einen gewissen Schaden. Muss man nix dagegen tun. Kann man aber. Stefanie Stahl zeigt in ihrem Buch, was.

  • Darum lesen: gute Tipps, direkt aus der Praxis einer erfahrenen Psychologin
  • Darum nicht lesen: Struktur fehlt. Dadurch fällt es schwer, einzelne Problemsituationen nachzuschlagen.

Jahrelang spielte ich meine eigenen Probleme herunter. Weil: Es gibt ja Menschen mit richtigen Problemen. Scheidungskinder, anderweitiger Verlust von Bezugspersonen, Vergewaltigungen oder andere Formen von körperlicher und psychischer MIsshandlung. Sowas. Ich dagegen hatte eine glückliche Kindheit. Irgendwann merkte ich aber, dass meine Probleme echt waren. Dass meine Erziehung und meine Bezugspersonen durchaus Einfluss auf mich hatten – und ich nicht nur Gutes mitbekommen habe.

Genau das ist auch das Thema des Buches. Es richtet sich nicht an Menschen mit Traumata sondern an jene, die durch ungünstige Bedingungen in ihrer Kindheit gewisse Narben davontrugen – und seien sie noch so klein. Diese Wunden lassen sich heilen, sagt Stefanie Stahl. Und zwar, indem man sich mit der Vergangenheit beschäftigt. Sie verwendet das Konzept des Schattenkindes und des Sonnenkindes. Das Schattenkind ist das eigene Ich, dass noch immer unter den negativen Einflüssen der Vergangenheit leidet, das Sonnenkind ist das genaue Gegenteil. Und dann gibt es da noch den Erwachsenen, der alles fast wie von außerhalb, komplett rational betrachtet.

Insbesondere das Schattenkind muss Heimat finden. Es muss sich angenommen wissen, verstanden fühlen, muss seine Probleme ausdrücken dürfen und getröstet werden. Durch diesen Prozess wird der Leser geführt, mithilfe vieler Übungen: Der Leser soll sich – bzw. seinem Schattenkind – gut zusprechen, Dinge aufschreiben, viel zeichnen. Die Autorin geht auf typische Problemfelder wie Sucht, Kontrolle, Minderwert oder Wut ganz spezifisch ein, hilft dabei, Schutzstrategien zu identifizieren (also solche, die sich das Schattenkind gesucht hat und die heute Probleme bereiten) und Schatzstrategien zu entwickeln (solche, die sich jetzt das Sonnenkind sucht und die grad keine Probleme verursachen).

Dieses Bild mit den Sonnen- und Schattenkindern als Metaphern für unsere Probleme ist unterkomplex dargestellt, gibt die Autorin auch selbst zu. Klar – ein Buch kann keine Eins-zu-Eins-Therapie ersetzen. Die Möglichkeit, in regelmäßigen Abständen Impulse zu setzen und den Patienten in die Verantwortung zu nehmen, fehlt ganz einfach. Dabei merkt die Autorin an, dass selbst in der Therapie viele Menschen nicht bereit sind, konkrete Schritte in ihrem Alltag zu gehen. Das gilt für das Buch natürlich umso mehr.

Insofern ist es besonders ärgerlich, dass das Buch es durch Bequemlichkeit (der Autorin? Des Lekotrats?) noch erschwert. Denn dem Buch fehlt Struktur. Wer es einmal durchliest und feststellt, dass die Übungen darin wirklich helfen können, wird zu verschiedenen Zeitpunkten zu der einen oder anderen Übung zurückkommen wollen. Zu jenen Übungen und Textpassagen, die zu seinen persönlichen Problemen passen. Das wird verhindert, indem die Kapitel prosaische Überschriften bekommen. Dabei wurde genau das im ersten Teil richtig gemacht! Probleme kann man also geziehlt nachlesen, die Lösung dieser Probleme aber nicht. Warum? Aufgefangen wird das sicherlich durch das Arbeitsbuch. Und ich vermute mal, dass man damit viel mehr mitnehmen kann.

Ansonsten kann natürlich auch dieses Buch schon hilfreich sein – man muss aber trotz seiner Probleme schon relativ gefestigt und reflektiert sein, um ohne weitere Hilfe wirklich Fortschritte machen zu können.

Stefanie Stahl // Das Kind in dir muss Heimat finden
27. Auflage // 2015
kailash
276 Seiten

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