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Tupoka Ogette // Exit Racism

exit racism, notausgang

Kaum zu Glauben: Das Thema Rassismus wird tatsächlich wieder aktuell in Deutschland. Und auf der Welt. Zeit für antirassistische Literatur.

  • Darum lesen: wichtige Sensibilisierung zum Thema Rassismus.
  • Darum nicht lesen: recht knapp und an vielen Stellen oberflächlich.

Mit meinem Erstaunen darüber, dass der Rassismus „wieder“ so relevant wird, oute ich mich als Bewohner von „Happyland“. Einem Ort, an dem man Rassismus ausblendet, nicht bemerkt und eben für überwunden hält. Doch Rassismus ist ein Alltagsproblem – und gegen dieses Problem kämpft Tupoka Ogette. Sie hält Rassismus-Awareness-Seminare in ganz Deutschland. Dieses Buch ist eine Art schriftliche Version dieser Seminare. Es ist kurz, erfüllt seine Absicht: Die Augen des Lesers für Rassismus öffnen und zeigen, wie man rassismuskritisch denken kann, bzw. dazu beitragen kann, dass Rassismus wirklich überwunden wird.

„Da das R-Wort so schwer moralisch belastet ist und Rassismus = schlechter Mensch bedeutet, kommt es für die*den Happyländer*in auch einer schweren Beleidigung gleich, des Rassismus bezichtigt zu werden.“

Die gute Nachricht: Nach Ansicht Ogettes ist Exit Racism tatsächlich möglich. Und zwar auf die ganz klassische Weise. Einfach niemanden aufgrund seiner Herkunft oder vermuteten Herkunft diskriminieren. Wobei das natürlich soo einfach auch wieder nicht ist.

„Die Auseinandersetzung mit Rassismus unter Berücksichtigung der emotionalen Ebene ist in meiner Arbeit neben der reinen Wissensvermittlung auch der wichtigste Teil.“

Was ist Rassismus?

Was genau ist Rassismus eigentlich? Das wird in dem Buch leider nicht ganz klar und ist auch seine größte Schwäche. Klar, irgendwie dürften die allermeisten eine Ahnung haben, was mit Rassismus gemeint ist, zwischen den Zeilen wirds auch deutlich. Aber eine konkrete Definition wäre hilfreich gewesen. Passende Stellen hätte es auch gegeben. Und ich rede nicht nur von der Einleitung oder dem ersten Kapitel. Ogette beantwortet häufige Fragen (super Sache), darunter auch die Frage, ob es Rassismus sei, wenn die Kinder einer deutschen Familie in Frankreich aufgrund Sprachschwierigkeiten ausgegrenzt werden: Nein, das sei Fremdenfeindlichkeit. Warum? Keine Antwort.

In der Diskussion wird teilweise zwischen Rassismus und Diskrimierung unterschieden. Das dient dem Zweck, Unterdrückung, die eine Geschichte hat, von Diskrimierung, der man nahezu jederzeit entfliehen kann, zu unterscheiden.

Etwas knapp

Leider gibt es noch mehr, was die Autorin nicht sagt, weshalb das Buch auch so dünn ist. Stattdessen verlinkt sie einige Videos und weiterführende Artikel per QR-Code. Nimmt man diese ausgelagerten Inhalte mal mit dazu, steigt der Umfang beachtlich und es dauert auch eine Weile, alles durchzuarbeiten. Keine schlechte Idee. Der Schwerpunkt der Inhalte liegt dann allerdings klar auf der Geschichte des Rassismus, nicht auf dem Exit. Ich hätte es hilfreicher gefunden, Tools an die Hand zu bekommen, eigene Rassismen oder Vorteile zu überprüfen und aufzudecken. Das hätte auch zur Charakteristik als Arbeitsbuch oder Workshopmitschrift besser gepasst.

„Spricht nicht FÜR sondern MIT Schwarzen Menschen und People of Color […] Hör endlich zu […] Sprich Rassismus an, wenn du ihn erkennst […] übernimm Verantwortung für deine Privilegien […] Gib nicht auf.“

Neben dem Frontalinput und den bereits genannten Links bietet Ogettes Textworkshop auch Fragen an den Leser, sowie Zitate von Teilnehmern tatsächlich stattgefundener Workshops. Am Ende des Buches sind noch drei Beiträge anderer Autoren abgedruckt, die teilweise persönliche Erfahrungen beinhalten – auch davon hätte es gerne mehr geben können. Um im Alltag rassismuskritischer zu handeln zu können, gibt’s ein gutes Dutzend Bulletpoints mit knappen Ratschlägen, außerdem einen Brief an die Eltern Schwarzer Kinder.

Die Autorin

Tupoka Ogette ist Tochter eines Tansaniers und einer Deutschen und war Opfer von Rassismus – von dem sie im Buch auch berichtet. Sie studierte Afrikanistik und Deutsch als Fremdsprache in Deutschland, Namibia und Südafrika, absolvierte später ihren Master of International Business in Frankreich. Beruflich ist sie äußerst aktiv, arbeitete als Lektorin, Autorin, sie unterrichtete, organisierte Konferenzen, Tagungen, Ausstellungen – und leitet eben Antirassismus-Workshops.

Ein persönliches Buch

Das Buch ist persönlich, es berührt, es deckt mit einfachen Mitteln Rassismus auf und erklärt, warum Rassismus ein Problem ist und nicht in die rechte Ecke gestellt werden sollte – sondern ein Problem (auch) der Mitte der Gesellschaft ist. Der Umfang ist mit 127 meines Erachtens deutlich zu knapp für diesen Preis (knapp 13 Euro) und dieses Thema. Vielleicht war der Plan, nicht durch zu viele Seiten abzuschrecken – ok. Dann hätte die Autorin das Konzept mit den externen Inhalten konsequenter durchziehen sollen und nicht nur ein paar Videos verlinken. Warum nicht webbasierte Inhalte schaffen und den Leser vor allem dort, wo es konkret um den Alltag geht, tiefer in die Materie mit hineinnehmen?

Nichtsdestotrotz ein gutes und wichtiges Buch.

„Die Aufklärung ist somit ein furchtbar zweischneidiges Schwert. Einerseits lieferte sie zwar das Rüstzeug für die politische und soziale Gleichberechtigung, andererseits sieht sie den Menschen nicht mehr als Kind Gottes, sondern als eine Variante des Tierischen.“

Tupoka Ogette // Exit Racism
3. Auflage 2018 // 2017
Unrast Verlag
127 Seiten

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