Diamanten, Edgar Soto
denken

Wertvoll?! Von Minderwert und Selbstliebe

Ich leider hin und wieder unter Minderwert. Vielleicht geht’s dir ähnlich. Dann hören wir beide einfach nicht oft genug, wie wertvoll wir sind. Dieser Text soll das ändern – und nennt ein paar Gründe für Selbstliebe.

Triggerwarnung: schwarzer Humor, Gewalt, Selbstverstümmelung, Sex, Religion.

Es ist ziemlich einfach, sich nicht sonderlich wertvoll zu fühlen. Man braucht einfach entsprechende Glaubenssätze, die irgendwann in der Kindheit oder Jugend entstanden sind. Und/oder man bekommt einfach nicht oft genug zu hören, dass es da jemanden gibt, der einen durchaus für ziemlich wertvoll hält. Ändern wir das doch einfach.

Wie Minderwert entsteht

Wertvoll, Grafik, Minderwert

Bei den allermeisten Menschen überwiegen zu Beginn ihres Lebens in erster Linie positive Aussagen und Erlebnisse. Doch irgendwann fangen die Eltern mit der Erziehung an und ein Kind muss sich in die Gesellschaft einpassen. Es erfährt, dass absolut nicht alles ok und rosig ist. Das Verhältnis verändern sich drastisch zum Negativen hin. Wie leicht können da Momente entstehen, in denen die gefühlte Ablehnung der Eltern oder Klassenkameraden überwiegt. Dann gibt’s aber Momente des Lobs, gute schulische oder sportliche Leistungen, tolle Freundschaften.

Im Laufe seines Lebens muss ein Mensch tendenziell immer mehr negative Dinge aushalten: platzende Träume, Kritik auf der Arbeit, schwierige Beziehungen. Glücklicherweise lernen die allermeisten Menschen auch, damit umzugehen: zum Beispiel, indem Sie viele negative Dinge nicht an sich heranlassen oder selbst für positive Erfahrungen sorgen können. Aber immer dann, wenn das Negative das Positive überwiegt, erlebt ein Mensch Minderwert.

Das Ding ist, dieses Minderwertigkeitsgefühl ist eigentlich total banane. Denn wir sind unglaublich viel Wert. Und genau darum geht es in diesem Text. Ich will hier also dazu beitragen, dass die blaue Linie durch die Decke geht. Dazu habe ich in unterschiedlichen Bereichen recherchiert und kann hier ein paar absolut überzeugende Gründe nennen, warum jeder von uns ziemlich wertvoll ist.

1. Dein Körper ist wertvoll

Graffiti, Herz, Jorge Gardner
Foto: Jorge Gardner / unsplash.com

Mit fortschreitendem Alter gewinne ich plötzlich große Lust und Freude an Finanzen und Investments. Ein Teil der Finanzwelt sind auch Versicherungen – die ich nicht besonders sexy finde, aber mei. Da gibt’s zum Beispiel die Unfallversicherung: Ich zahle monatlich ein paar Euro und bekomme bei Unfällen Geld. Vor allem dann, wenn ich irgendeine Körperfunktion komplett verliere. Zum Beispiel:

  • Beide Beine: 225.000 Euro
  • Fuß: 135.000 Euro
  • Arm: 165.000 Euro
  • Zeigefinge: 20.000 Euro
  • Auge: 105.000 Euro
  • Gehör auf einem Ohr: 75.000 Euro 1

Bei Komplettinvalidität werden um die 500.000 Euro fällig. Was ich nicht weiß: ob ich mit ausreichend krimineller und masochistischer Energie beispielsweise erst einen Finger, dann die Hand, dann den ganzen Arm „verlieren“ könnte, um so die Versicherungssumme auf bis zu 1 Mio. Euro zu strecken. Aber selbst mit 500.000 könnte man einiges anfangen. Etwa die eigene Wohnung barrierefrei umbauen oder 500 Jugendlichen in Afrika eine dreijährige Berufsausbildung ermöglichen.2

So krass wertvoll ist auch dein Körper.

Was Weg is, is Weg. Im Film zum Beispiel ein Arm, um an die (unrealistisch hohe) Versicherungssumme zu kommen:

Der chemische Wert

Was wäre eigentlich, wenn man seinen Körper in chemische Bestandteile zerlegen könnte? Was wären diese Chemikalien Wert? 1.000 Euro – oder 8 Millionen Dollar? Kommt drauf an. Jörn Klarne hat ein Buch über ein Thema geschrieben, das dem Thema dieses Artikels ähnelt und herausgefunden: die chemischen Bestandteile eines 100-Kilo-Menschen bekäme man für ungefähr 1.000 Euro.3 Das war 2011. Nun sind diese Bestandteile im Körper aber halt nun mal miteinander verbunden – sogar auf recht komplizierte Weise und diese komplizierten chemischen Verbindungen herzustellen wäre viel aufwändiger. Harold Morowitz ermittelte deswegen in den 70er-Jahren einen Preis von acht Millionen Dollar.

2. Du kannst bis nach deinem Tod anderen das Leben retten

Es gibt noch eine andere Möglichkeit, den eigenen Körper auszubeuten und anderen etwas Gutes zu tun. Ich kann Teile meines Körpers auch bewusst hergeben.

Organe spenden

Eine Niere zum Beispiel. So eine Niere ist 25.000 Euro Wert.4 Allerdings ist das eher hypothetisch. Denn dort, wo Menschen tatsächlich Organe verkaufen müssen, werden sie gerne ausgenutzt. Und dann gibt’s deutlich weniger Geld.5

Was ganz andres ist natürlich die Organspende nach dem Tod. Damit beschäftigt sich Sarah Gray in ihrem Buch A Life Everlasting. Es geht allerdings nicht um Organspende für kranke Menschen, sondern für die Forschung. Sie war schwanger mit Zwillingen und einer ihrer ungeborenen Söhne todkrank. Nach der Geburt überließ sie ihn der medizinischen Forschung – und hielt Kontakt. Sie wollte wissen, was genau mit ihm geschieht und welchen Einfluss auf die Welt er haben würde.

Körperflüssigkeiten Spenden

Es geht aber auch eine Nummer kleiner. Ohne Tod und auch ohne OP. Neben Blut kann man auch Plasma, Haare oder Spermien spenden – oder verkaufen. Nun, der monetäre Gegenwert ist eher überschaubar:

  • Für Blut gibt’s nix.
  • Vollblut, also mit allem drum und dran wie Zellen, Protein und so weiter, kann man für 20 Euro spenden.
  • Plasma: 40 Euro.
  • Thrombozyten: 40 Euro.
  • Samenspende: 30 bis 100 Euro.6
  • Haare: je nach Länge und Gewicht. 50 Zentimeter und 100g schwere blonde Haare kann man für über 70 Euro verkaufen.7

Lohnt sich also alles nicht so wirklich. Aber wenn aus den Haaren eine Echthaarperücke gemacht werden kann, zum Beispiel für ein krebskrankes Kind, wird so eine Haarspende zum lebensverändernden Werk.

Ok, kleiner Einschub. Weißt du, es geht natürlich nicht darum, sich eine fette Villa zu finanzieren. Auch nicht darum, dass der Wert eines Menschen was monetäres wäre. Es geht darum, dass Minderwert Bullshit ist, weil du und ich, wir beide, haben etwas, wofür andere Menschen sehr, sehr viel Geld bezahlen würden. Würden. Das ist der Knackpunkt. Deswegen bedeuten uns die bisher genannten Werte so wenig. Aber es gibt ja noch mehr.

3. Du kannst etwas leisten

Ich hab früher mal Briefmarken gesammelt. Später Ü-Ei-Figuren. Dann Magic-Karten. Jeweils gab es Kataloge oder Listen, die den Wert eines Objektes bestimmten. Das Problem: Kaum jemand war bereit, diesen Wert zu bezahlen. Klar, im freien Markt gibt es keinen Wert an sich, es gibt immer nur den Preis, den andere bereit sind zu bezahlen. Daneben gibt es aber beispielsweise einen Nutzwert. Der ist bei Ü-Ei-Figuren eher begrenzt, bei einem alten Fahrrad vom Flohmarkt aber relativ hoch. So einen Nutzwert haben auch wir Menschen.

Briefmarken, Ali Bakhtiari
Foto: Ali Bakhtiari / unsplash.com

Dieser Nutzwert wird ausgebeutet. Die glücklicheren unter uns können ihren Nutzwert gegen Lohn eintauschen. Die weniger glücklichen werden versklavt. Und ja, Sklaverei ist auch heute noch ein Problem.

In Deutschland gibt es einen Mindestlohn von 9,35 Euro pro Stunde. Ob das viel oder wenig ist, hängt in erster Linie vom Vergleichswert ab. In den allermeisten Ländern dieser Welt wäre ein solches Einkommen traumhaft. Das gilt auch dann noch, wenn man die Zahlen kaufkraftbereinigt.8 Dennoch sind Menschen, die vom Mindestlohn leben, im Vergleich zum deutschen Durchschnitt relativ arm.

Das Ding ist aber: egal, ob da ein Mensch versklavt oder ausgebeutet wird: Der Wert an sich bleibt ja. Es gibt halt nur Menschen, die sich diesen Wert auf eine Weise holen, die kriminell ist oder aber zumindest die Menschenwürde verletzt. Dadurch wird Wert aber nicht vernichtet, sondern bestätigt. Es verliert ja auch kein Schmuck an Wert, nur weil er gestohlen wird.

Übrigens haben wir Menschen noch einen ganz anderen Nutzwert: Unsere Daten, etwa in Form von Aufenthaltsorten, Gesprächsinhalten, Kaufentscheidungen und Meinungen. Diese Daten sind so wertvoll, dass viele Unternehmen sie indirekt als Zahlungsmittel akzeptieren. Wir können Software kostenlos nutzen, stellen dafür aber unsere Daten zur Verfügung. Das bedeutet: Wir sind wertvoll. Jeder ist wertvoll.

4. … einen Beitrag zum Beispiel

Straßenmusiker in Buenos Aires, Bill Stephan
Foto: Bill Stephan / unsplash.com

Unser Wert geht aber weit über diesen Nutzwert hinaus.

Denn wir alle haben das Potenzial, anderen Menschen etwas zu geben, was nicht mit Lohn aufzuwiegen ist. Fast jeder bedeutet irgendwem irgendwas. Auch wenn das nicht immer ausgesprochen wird. Wir können anderen ein Lächeln schenken, sie inspirieren, hilfsbereit sein, Stabilität geben, sie zum Lachen bringen, sie ermutigen, Freunde sein oder Familie. Dieser Wert scheint manchmal verschütt zu sein, aber er ist da und lässt sich jederzeit heben. Einfach nur durch Sein.

Jeder von uns kann bestimmte Dinge besonders gut und genau diese Dinge sind von unheimlichem Wert für die Menschen um uns herum. Zwar wird nicht jede Fähigkeit in einer solchen Weise von der Gesellschaft gewürdigt, dass der Nutzwert dahinter besonders entlohnt würde. Dennoch sind diese Fähigkeiten ja da und wir würden sie vermissen, würden sie fehlen. Wer sich nutz- und wertlos fühlt, hat mit großer Wahrscheinlichkeit nur noch keinen Wert gefunden, das, was er gut kann und gerne tut, für die Menschen um ihn herum einzusetzen – oder er bekommt noch kein Feedback dazu, weiß also nicht, wie wertvoll sein Beitrag in Wirklichkeit ist.

Ich weiß schon. Es ist irgendwie hart, dass alles an Leistung, Funktion, Anpassung, Geld orientiert ist. Es gibt nur wenige, kurze Momente, in denen das nicht so ist und nicht jeder erlebt solche Momente. Eine relativ große Wahrscheinlichkeit, wirklich bedingungslos geliebt zu werden, ist, ein frischgeborener Säugling zu sein. Oder …

5. Du bist bedingungslos geliebt

Ich glaube an einen Schöpfergott und es gibt meines Erachtens sehr gute Gründe dafür. Nun, wenn es einen Schöpfergott gibt, dann sind wir kein Zufall. Dann sind wir auserwählt aus Abermillionen Möglichkeiten (Genkombinationen, Anzahl Spermien). Aus diesen vielen, vielen Möglichkeiten hat sich Gott jeden von uns ausgesucht. Und wir sind, wie wir sind aus einem bestimmten Grund. Oder sagen wir, wir haben zumindest das Potenzial, jemand zu sein, den sich Gott aus einem bestimmten Grund ausgedacht hat.

Das ist jetzt quasi ein Rückgriff auf die Sache mit dem Beitrag zur Gesellschaft. Es ist halt nicht nur Zufall, dass ich gut schreiben kann, sondern Gott hat mir diese Gabe gegeben, damit ich sie einsetze und damit etwas bewege. Ich habe eine Aufgabe, die niemand so gut ausüben kann wie ich und deswegen bin ich unermesslich wertvoll – und zwar nicht nur dann, wenn ich diese Aufgabe auch ausübe, sondern immer.

Damit meine ich nicht, dass niemand besser schreiben kann als ich. Das wäre vermessen. Ohnehin geht es nicht darum, die Nummer 1 zu sein. Nein, ich meine damit, dass es niemanden gibt, der so gut schreiben kann wie ich und meine Erfahrungen, Ansichten, Leidenschaften hat. Es gibt Dinge, die niemand so gut ausdrücken kann, wie ich. Es gibt Geschichte, die ich erzählen soll und wenn ich sie nicht erzählte, erzählt sie niemand.

Und ähnliches gilt für jeden Menschen.

Leider ist der Standardzustand des Menschen Gefangenschaft. Wir sind gefangen in unseren Fehlern, in den Konsequenzen unserer Fehler und den Konsequenzen der Fehler anderer Menschen. Aber es gibt Rettung. Die Bibel erzählt uns, dass Jesus Christus, Gottes Sohn am Kreuz starb. Und zwar nicht einfach so, sondern um uns von den aufgetürmten, in alle Ewigkeit durchgerechneten Konsequenzen aller Fehler, die je ein Mensch getan hat und jemals tun wird zu befreien. Einfach aus Liebe – und zwar eben grade nicht, weil wir irgendwas tolles geleistet hätten. Einfach, weil wir sind.

Und daraus entstehen großartige Dinge.

Wir können dazu beitragen, dass das Reich Gottes auf Erden entsteht. Das Reich Gottes kann auf viele Arten beschrieben werden, zum Beispiel als einen Ort, an dem unsere Fehler keinerlei Konsequenzen mehr haben. Quasi das Paradies. Oder so ähnlich. Gott hat unsere Gesellschaft so aufgebaut, dass wir einander brauchen und jeder einen Beitrag leisten kann. Das Reich Gottes ist der Ort, an dem alle Menschen ihr Potenzial entfalten und die Dinge machen, die sie sowieso gerne und gut tun und damit die Gesellschaft bereichern. Dort, wo das heute schon passiert, ist Gottes Reich ein kleines Stückchen angebrochen und die Welt ein bisschen besser geworden. An so einem Ort nimmt man gerne und gibt ebenso gerne.

Multiplikation

Das heißt, dass wir nicht nur einen enormen Wert haben und dass wir nicht nur Wert schaffen können, durch das, was wir tun. Sondern auch, dass wir enormes Multiplikationspotenzial haben. Denn durch unseren Beitrag finden andere Menschen zu Jesus, sie entdecken ihr Potenzial und tragen ihrerseits etwas zur Gesellschaft bei. Unser Beitrag wächst also wie eine Pflanze, geht auf, bringt Frucht und multipliziert sich über die Generationen.

Diese Perspektive Bedarf noch nicht einmal des Glaubens an einen Schöpfergott. Wer seine Gaben einsetzt, um anderen Menschen etwas Gutes zu tun, um zu einer besseren Welt beizutragen, der säht einen Samen und Multiplikation findet statt.

Der Wert eines jeden einzelnen ist insofern unermesslich. Und wenn etwas anderes der Fall zu sein scheint, geht es vielleicht nur darum, die Perspektive zu ändern – und den Wert zu heben.

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  2. https://www.oid.org/spenden-und-helfen/ausbilder-in-afrika-werden/
  3. https://www.suhrkamp.de/buecher/was_bin_ich_wert_eine_preisermittlung-joern_klare_46168.html
  4. https://www.t-online.de/gesundheit/id_46500160/25-000-euro-fuer-eine-neue-niere.html
  5. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.organhandel-in-afrika-und-asien-menschliche-ersatzteile.097dad02-17b3-4fcf-a7aa-13c60835f677.html
  6. https://praxistipps.focus.de/blutspenden-fuer-geld-hier-gibts-eine-entschaedigung_97597
  7. https://www.haarankauf.com/de
  8. https://www.bdae.com/journalbeitraege/maerz-2019-leben-und-arbeiten-im-ausland/1379-so-hoch-sind-die-mindestloehne-in-der-eu-und-weltweit

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